Monsieur Goldman

Dezember 7th, 2009 § 1 Kommentar

Da waren wir also! Auf dem Dampfer “Amarillo”, auf großer Fahrt, über den Atlantik. Wir steuerten Südamerika an, waren unterwegs in ein neues Leben. Flüchtlinge der Lebensmüdigkeit, allesamt, fast 500 Leute. Tag für Tag wurden solche Scharen von uns über den Ozean geschippert.
Europa blutete aus, und das war gut so. Es hatte sich verkauft, zur Hure gemacht, und jetzt zahlte es den Preis. Ich hatte gemacht, dass ich wegkam, bevor wieder ein Krieg ausbrach. Etwas in der Art lag in der Luft. Ich hatte die Schnauze voll vom Krieg. Mein Vater hatte einen mitgemacht, und dieser Krieg hatte nie aufgehört. Wenn der Krieg einmal in einem angefangen hat, dann gibt es kein Halten mehr. Der Krieg ist wie eine Droge.
Ich sah ihm auf Anhieb an, dass wir aus demselben Stall kamen. Wir hielten das 24-Stunden-Geschnatter unserer Kultur nicht mehr aus, das nimmermüde Faseln, den Dauerbeschuss aus allen Rohren mit vollendetem Stuss. Es verlangte uns nach Einfachheit, nach von Schnee überzuckerten Berggipfeln und einem rauen, wortkargen Leben auf den Rücken von halbwilden Pferden, bekleidet nur mit einem Poncho und einem Lederhut.
Er rauchte eine Zigarette, hier in der herben Seeluft. Möwen krächzten vorbei, während wir Kurs aufs offene Meer hielten. Er trug einen Mantel, und der Wind riss ihm die Qualmwolken vom Mund. Vor ihm auf dem Tischchen, neben seinem Kaffeebecher, lag ein Buch. Softcover.
Mein Herz schlug heftig, meine Finger begannen zu zittern. Ich hatte keine andere Lektüre dabei als meinen Montaigne, die Manesse-Ausgabe. Ich hatte geglaubt, das würde für ein paar Jahre reichen, aber auf die Dauer kann Montaigne einen ganz schön erschöpfen. Ich jedenfalls konnte erst mal keinen Montaigne mehr sehen!
“Sie lesen?”
Meine Stimme klang kratzig. Der Mann schob mir nur kommentarlos das Buch hin. Ich sah auf das Cover. “Zeitlose”, von einem gewissen Martin Väterlein.
“Martin Väterlein”, sagte ich, “das klingt nach einem Pseudonym!”
“Definitiv. Is aber n gutes Buch.”
Der Kerl nippte an seinem Kaffee und zuckte mit den Achseln. Er sah so aus, als läge alles verdammt weit hinter ihm. Allein schon wegen der hellgrauen Haare. Das gab ihm ein Air von Abgeklärtheit. Er warf mir aus den Augenwinkeln einen misstrauischen Blick zu, sagte aber weiter nichts.
Irgendetwas an ihm faszinierte mich.
“Wie heißen Sie?”, fragte ich.
“Ich?” Er zuckte schon wieder die Achseln. “Goldman.”
“Wie”, sagte ich, auf das Cover des Buches tippend, “dieser Goldmann hier?”
Das Buch trug nämlich den Untertitel: “Goldmanns unhaltbare Zustände.”
“Ja”, sagte er, “aber nur mit einem n. Ursprünglich kommt meine Familie nämlich aus Frank, Frank, Frank …”
Er fing an zu stottern, seine Augen traten ihm ein Stück aus dem Kopf.
“Na, immer mit der Ruhe”, beschwichtigte ich ihn. Ich überlegte sogar, ob ich ihm auf den Rücken klopfen sollte. Aber das wäre ja doch kindisch gewesen, nicht?
“Frankreich”, stieß er endlich mit einem Pfeifen hervor. Wütend schnippte er seine Zigarette weg. “Scheiß Raucherei! Ich wär fast erstickt. Merde!”
“Goldman, also.” Ich versuchte es so französisch auszusprechen wie möglich.
“Genau.” Er hatte sich wieder vollkommen in der Gewalt. “Und Sie? Woher kommen Sie?”
“Ich? Polen”, log ich. “Meine ganze Familie hat sich in Luft aufgelöst, einfach so, von einem Tag auf den andern. Was sollte ich da machen? Ich bin halt auch weg. In der Fremdenlegion wollten sie mich nicht haben, und da sagte ich denen … nee”, rief ich aus, mit vor Glück glänzenden Augen, “ich hab denen gar nichts gesagt! Ich hab dem nur auf den Tisch geschissen, diesem Kerl von der Legion, auf seinen scheiß Holztisch hab ich ihm geschissen und hab gerufen: ‘Mon Colonel, isch kacke ab!’ Und dann ab durch die Mitte, und hier bin ich jetzt!”
Wieder beäugte Goldman mich misstrauisch.
“Mit Montaigne in der Tasche? Wollten Sie den etwa zur Fremdenlegion mitnehmen?”
“Daran ist’s gescheitert”, sagte ich mit trauriger Miene. “Die lassen keine Bücher zu. Nicht während der Grundausbildung.”
Goldman griff nach seinem Roman und steckte ihn in die Innentasche seiner Jacke.
“Arschlöcher”, murmelte er.

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§ Eine Antwort auf Monsieur Goldman

  • Vau sagt:

    Musst Du eigentlich alle Geheimnisse online breit treten? Da habe ich mir so viel Mühe gegeben, die wahre Identität Goldmans zu verschleihern und dann kommst Du und plauderst sie in einem solch nebensächlichen Text einfach aus. Dir erzähle ich noch mal was! Aber mach nur weiter so! Wundere Dich nur nicht, wenn ich hier mal Deine Maske lüfte, “Blogo”.

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