Teste-Streifen

Dezember 8th, 2009 § 1 Kommentar

Scheiße, denken wir, der Fotograf und ich, als wir nach langem Fußmarsch durch ein Industriegebiet endlich um die Ecke biegen. Wir denken es so laut — “SCHEISSE!” –, dass man es direkt hören kann. Zum Glück sind wir weit und breit die einzigen Menschen, sonst gäb’s bestimmt was aufs Maul, in so einer Gegend, wenn man die beleidigt …

Die “Blog Buster Studios” (BBS) sind eine kleine, dunkle Klitsche in einem Hinterhof von Frankfurt. Wenigstens Frankfurt am Main. Eine schwarze Katze springt mit einem bösen Miau auf eine Mülltonne, und der Deckel klappert blechern zwischen stirnhohen Backsteinmauern. Es stinkt nach Fisch, Pisse und Erbrochenem. Das täte Jörg Fauser gefallen, denke ich, dem deutschen Dashiell Hammett, dem William S. Burroughs vom Main.
Und es riecht seltsamerweise nach Erfolg. Mächtig nach Erfolg.
Das täte Jörg Fauser vielleicht sogar auch gefallen.
“Bist du sicher?” Karsten Kartreit, unser Fotograf, schnuppert. “Erfolg? Ist das nicht eher Tomatensuppe? Aus der Tüte?”
“Komm weiter”, sage ich.

Seit “Soloalbum” von Gregor Schnitzler hat es eigentlich keine wirklich mitreißende Literatur-Verfilmung mehr gegeben — okay, “Der Herr der Ringe” war streckenweise ganz passabel. Was dem Produzenten Kai Goldman aber vorschwebt, ist “ein Kracher vom Format, ich sag mal, ‘Der Name der Rose’. Ich will endlich in die Bernd-Eichinger-Liga. Nich mehr immer diese DSF-Wichs-Filmchen! Ich kanns nich mehr sehen!”
Da kann Herr B. nur schmunzeln. Der schmunzelt sowieso den ganzen Tag, warum also nicht auch jetzt?
“Wir waren lange unentschlossen, ob wir Montaignes ‘Essays’ verfilmen sollten oder doch Paul Valérys ‘Monsieur Teste’”, erinnert sich Herr B., ein Glas Rotwein nach dem anderen saufend. Das Schmunzeln und der Rotwein, sagt Herr B. mit hölzerner Zunge, die gehörten zusammen wie der Herr und die Ringe oder wie eine deutsche Filmkomödie und “dieser Hautgout von Peinlichkeit, den eben nur deutsche Kunstschaffende hinbekommen”.

“Herr B.”, frage ich, “wieso reden wir eigentlich mit Ihnen?”
Herr B. erbleicht, sogar der Rotwein in seinem Glas entfärbt sich, doch Kai Goldman springt sogleich für ihn in die Bresche: “Weil er als Regisseur des Films vorgesehen ist! Darum! Und stellen Sie bitte keine Frage nach seinem Familienstand. Sonst brechen wir dieses Interview sofort ab!”
“Eigentlich wollten wir ja aber mit Ihnen sprechen …”
“Na, ist doch schön”, faucht der Produzent.

Warum sie einen Stoff verfilmen, dessen Handlung sich buchstäblich mit einem einzigen, wenn auch fremdsprachigen, Wort wiedergeben lässt: Nada?
“Das”, Kai Goldman setzt ein unaussprechlich hochmütiges Lächeln auf, “stand für uns von Anfang an fest. Keine Handlung! Nicht diese ganze Plot-Scheiße, dieses Plot-Point-Point-Point. Jeder Plot-Point bezeichnet ja nur eine geistige Leerstelle. Sondern uns ging es ganz klar um den Inhalt, um die Message. Um den geistigen Gehalt, wenn Sie auch nur eine ungefähre Vorstellung davon haben, was ich damit meine?”
“Ja”, hakt Herr B. ein, seinen Hosenstall zuknöpfend, weil er gerade pinkeln war, nebenan, im Hof, “die Story soll die Seele sein.”
“Die Seele?”, frage ich. “Was ist denn das?”
“Na, hier.” Kai Goldman klopft sich mit seinem Zippo-Feuerzeug an die Brust. “Das Dings, hier drin. Seele.”
“L’âme”, flötet Herr B., was die Sache aber nicht besser macht.
“Ich versteh nur Bahnhof”, wende ich mich an unseren Fotografen, Karsten Kartreit. Der zuckt die Achseln und guckt blöd. Allerdings tut er das immer. Viele sagen, das sei das Geheimnis seiner geilen Bilder.

Montaigne also — oder doch Paul Valéry? Die Geschichten um den fahlen, faltigen “Monsieur Teste” stehen in einem geradezu legendären Ruf von Unverständlichkeit und Komplexität. Der Erfinder der Essayistik hingegen lässt schiere Masse für sich sprechen. 573 Seiten dick ist die deutsche Ausgabe im Dino-Format (31,2 x 23,4 x 5,2 cm).
Den Ausschlag gab dann der Streit um die Frage, welche Übersetzung von Montaigne heranzuziehen wäre. Natürlich die von Hans Stilett, sagten die einen (Goldman, Herr B.); nein, das Format der bei Eichborn erschienenen, preisgekrönten Übersetzung sei “einfach absolut unhandlich”, wandte der Drehbuchautor, Marvin C. Schmidt, ein. “Diese blaue fette Schwarte wollte ich in meinem Arbeitszimmer einfach nicht haben!”, erinnert sich Schmidt. “Außerdem, dieser Name. Stilett. Das Stilett war ja eine Waffe, mit der man ganz kleine, kaum merkliche Wunden zufügen konnte. Also eine heimtückische Waffe, die zu einem deutschen Fighter nicht recht passen will.”
“Was redest du denn da?”, staunt Herr B. “Bist du ein Nazi, oder was?”
“Nee.” Marvin C. Schmidt verschränkt die Arme vor der Brust. “Ich hab nur den Mut, auch mal unbequeme Wahrheiten auszusprechen.”

Die Sache war damit entschieden, auch wenn Goldman vor Wut erst mal eine Zigarette rauchen gehen musste.

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