Minimalmoral

Dezember 9th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn jemand von den Texten des Blogozentrikers meint, sie würden immer verrückter, dann soll er doch bitte einmal einen Blick in die Beiträge des Bandes „Minima Moralia“ von Theodor W. Adorno werfen! DAS ist verrückt. Da geht’s beispielsweise los mit einem „tough guy“ (so der Titel), also sagen wir mal mit Gary Cooper, der nach Hause kommt (er wohnt in einer Filmkulisse) und sich erst mal einen Whiskey einschenkt. Wir sind hier in der Kulturindustrie, darum riecht er nach Rasierwasser und Tabak, und sein Mund ist gekrümmt und gefalzt von der Verachtung für alles und jeden, vor allem für die Weiber, das Pack. Von diesem eindringlichen Bild blendet Prof. Adorno über zu Studenten eines College, die schon im frühen Alter geschieden werden in, eben, die „tough guys“ und die Intellektuellen. Die Intellektuellen sind die nerds, wie man heute vielleicht sagen würde, die Leseratten und Bücherwürmer, schwer im Verdacht, schwul zu sein, auf jeden Fall Müttersöhnchen. Die „tough guys“ indessen üben rund um die Uhr, mit Rasierwasser zu gurgeln.

Dann aber, so Mr. Adornos halsbrecherischer dialektischer Looping, dann aber sind ja die wahren, nämlich inneren, Schwulen, s. oben, s. Gary Cooper in seiner Frauenfeindseligkeit, paradoxerweise die „tough guys“! Denn denen ist es zwar ein Leichtes, Weiber reihenweise flach zu legen, jedoch vollends unmöglich, eins von denen auch zu lieben.

Ficken und Empfinden, das ist die Wasserscheide. Nicht das Empfinden zwingt in die homosexuelle Lebensbahn aus Verachtung fürs schwache Geschlecht, sondern das Ficken, weil’s die Verachtung bedingt, und Verachtung ist, anders als die Liebe, nichts Schönes. Während also der teddybärartige Gelehrte mit den Kugelaugen und den Plüschbäckchen mit den schönsten Studentinnen Frankfurts flirrend und flirtend diniert, muss der Hartgesottene, in seine Einsamkeit gebannt wie in eine Zelle von Alcatraz, noch einen Schnaps ordern, weil die Kälte seiner Seele ihn noch um den Verstand bringt! Und dabei träumt er vom ledernen Gürtel, mit dem der Vater ihn in die richtige Haltung prügelte.

Ganz ähnlich geht’s übrigens zu in Woody Allens neuer Komödie, „Whatever Works“. Auch hier sprengen sich unter dem Unterdruck der New Yorker Libertinage-Verhältnisse die Riegel mittelwestlicher Verklemmtheit nach oben auf. Und die Mitgliedschaft in der „National Rifle Association“ schrumpft zusammen auf die Besessenheit durch Glied und Schaft, und darum machte man da mit.

Was ich sagen wollte. Texten sollte man keine Intention aufzwingen. Warum die Texte nicht einfach machen lassen? Muss sie denn obstinat ein Thema beherrschen? Oder anders gefragt: Wenn wir ein Musikstück zusammen streichen auf ein zugrunde liegendes Motiv, haben wir dann etwas GEWONNEN? Denn das eigentlich Aufregende des Schreibens besteht ja darin, sich soweit von seinen Alltags-Intentionen zu entrümpeln, dass die Dinge in uns ihr Eigenleben entwickeln können. Sie müssen sich in Ruhe ausbreiten können, ohne dass sie dabei freilich die Herrschaft über ihren Wirt übernehmen im Sinne eines „mad professor“, der von seiner Forschung locker in die Tasche gesteckt wird.

Auch die Texte müssen mal ganz frei die Glieder recken können!

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