Geschichte eines Namens
Dezember 10th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Der seltsame Name Baries Barun verdankte sich einem bizarren Unfall. Oder Zufall. Keineswegs jedoch einer schrecklichen Laune der Eltern. Nein, die ganz gewöhnliche Trunksucht eines Standesbeamten war verantwortlich. Und die Penibilität des Vaters. Der hatte, statt “Boris”, unbedingt “Baries” sagen müssen, wie ein echter Russe. Das war so festgehalten worden, dabei war weit und breit kein echter Russe zu sehen.
Dass der Familienname, Braun, seine konventionelle Form verlor, lag daran, dass trunkene Finger ungleichmäßig schnell sind. Betrunkene stolpern leicht beim Tippen. Und dann guckt man nicht richtig hin, weil eh alles fließt, als Beamter, und weil gleich Feierabend ist, und dann heißt so ein Kind eben “Baries Barun” statt “Boris Braun”.
Aber war’s andererseits nicht auch besser so?
Baries Barun jedenfalls hatte nicht das Zeug zum Helden. Hätte Boris Braun es gehabt? Baries war ein stiller Junge, oft sehr unmännlich ins Nachdenken versunken, wo er auch mal hätte draufhauen sollen auf die Spielkameraden, um das Revier zu markieren. Er kniff die Augen gegen das Licht der Sonne zusammen, ein sehr weicher, freundlicher Charakter, der eine Narbe auf dem Knie betastete. Etwas schmächtig. Doch dass etwas mit ihm nicht stimmte, hätte man ahnen können. Nicht einmal aufmerksam hätte der Beobachter dazu sein müssen. Einfach anwesend, das hätte gereicht. Einfach ein Beobachter statt ein stumpfer Hinnehmer.
Denn Baries vernichtete Ameisen. Er eliminierte Kolonien von ihnen, die unter den Betonplatten der Terrasse hausten. Hingebungsvoll hockte er ganze Sommernachmittage da und tötete. Der Vater fand’s gut, dass einer sich um das Ungeziefer kümmerte, bevor der Keller davon überschwemmt wurde. Baries benutzte Luftpumpen, Wassereimer und Brenngläser, um sein Ausrottungswerk zu schaffen. Mit peinigend scharfem Sonnenstrahl ließ er die plastikartigen Panzerrümpfe brutzeln und schrumpfen. Die Beinchen krümmten sich in insektoider Pein. Er drosch drauf mit der flachen Hand, wenn er die Viecher aus den Ritzen zwischen den Platten gepustet hatte. Er kreischte, er jammerte, stöhnte, frohlockte, schien manches Mal einem epileptischen Anfall nahe.
Niemand fragte danach.
Die Jahre gingen ins Land. Baries Barun wurde ein ganz normaler Serienmörder. Einer wie wir. Einer wie alle.