Visionen von Johannes
Dezember 10th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Es war eigentlich nur die Unterseite der Aufklärung, was wir betrachteten. Vermutlich. Genau wissen kann man’s ja nie. Wir versuchten im Kaffeesatz zu lesen, und dazu bedienten wir uns eines Vokabulars, das weder wissenschaftlich war noch besonders geschmackvoll. Es war einfach ein Englisch-Mischmasch, mit dem wir unsere Klienten täuschten. Und diese ließen sich täuschen.
Dieser Jargon hatte weder mit Wissenschaft etwas zu tun noch mit Geschmack, Takt oder Intelligenz. Es war Marktschreierei gröbsten Kalibers. “Marketinglisch”, hatte Päderlein das immer genannt. Dafür war er auch gefeuert worden. Bald darauf war er in die Außenalster hinaus geschwommen. Vollständig bekleidet. In der Innenalster hatten sie ihn dann gefunden, vier Tage später, sehr zum Entsetzen von ein paar Touristen.
Es gab kein richtiges Leben im falschen, allerdings auch kein falsches im richtigen, kein falsches im falschen und natürlich schon gar kein richtiges im richtigen. Es gab überhaupt kein Leben mehr. Es gab nur noch Theorien über Konsumverhalten. Das war mir klar. Und es beunruhigte mich, wenn ich ganz offen sein darf. Nachts lag ich schlaflos wach, auf dem Rücken, die Augen blind gegen die Decke gekehrt. Mag sein, ich bin weinerlich. Vielleicht bin ich zu weich für dieses Leben. Ich habe von meinen Mitmenschen nie eine besonders hohe Meinung gehabt, und die bindende Macht, die gesellschaftliche Autoritäten wie Kirche, Familienrücksichten oder gutes Benehmen auf diese Halbwilden ausgeübt hatten, war in meinen Augen die letzte Rettung gewesen.
Jetzt aber tippten diese Affen nur noch auf ihren Kleinstelektronikgeräten herum, die um ein Vielfaches intelligenter waren als sie selbst. Und wertvoller, wie ich leider sagen muss. Und sie bildeten sich ein, sie hätten die Sache im Griff.
Die meisten Menschen sind in einem Maße naiv, das sich nur mit dem Maße ihrer Ersetzbarkeit vergleichen lässt. Wie schnell man einen Texter gefunden hatte, der schneller, präziser und kraftvoller schrieb als Päderlein! Es war nicht zu glauben, und meine Haare standen mir insgeheim zu Berge. Der neue Texter lächelte auch noch die ganze Zeit.
Wir alle bei CiteSeeing.Com führten uns auf wie alttestamentliche Propheten, aber wir waren nur Wetterfrösche. Wetterfrösche auf Speed, freilich. Wir waren zum Platzen gut gelaunt und riefen dauernd: “Hey!” Unsere einzige Existenzberechtigung war das klare Wissen, dass unsere Kunden unseren Prognosen ebenso wenig Glauben schenkten wie wir selbst.
Warum bemühten wir uns dann aber überhaupt? Das werden Sie sich vielleicht fragen. Nun, ehrlich gesagt, wenn Sie dieses Rätsel gelöst haben, dann halten Sie das nackte Herz der Gegenwart in der Hand. Die Wahrheit ist ein lebender Leichnam, der sich unwiderstehlich aus der Erde erhebt, in der wir sie verbuddeln wollten, und alle Bagger der Welt können sie kaum mehr unten halten. Wenn Sie meine Meinung hören wollen.