Liegt gut in der Hand

Dezember 11th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

“Soll ich dir was sagen?”
“Was?”
“Ich hab’s satt.”
Jetzt erst schaute Karl von seinem Bauernfrühstück auf. Der hatte kluge, kleine dunkle Augen, der Karl, leider sehr kurzsichtig, so dass er sich sehr anstrengen musste, um den Gesichtsausdruck von Martin zu deuten. Er hatte seine Brille vergessen, am Morgen nur das leere Etui eingepackt. Sogar mit Putztuch.
Vielleicht sollte er sich einfach mal die Linsen putzen? Vielleicht schüfe ihm das wieder klare Sicht?
“Was lächelst du denn?”, fragte Martin aggressiv, der dazu tendierte, sich nicht ernst genommen zu fühlen.
“Oh, nichts, nichts”, beschwichtigte Karl, dessen flokatiartiger Bart allmählich grau wurde, wie Martin bemerkte. Und dieser opahafte Anzug … sogar eine Uhrkette zog sich über den runden Bauch hin. “Das hatte nichts mit dir zu tun. Ich habe über eine Erinnerung geschmunzelt. Wie das so geht, wenn man alt und wunderlich wird. Warum du jetzt aber schon wieder unzufrieden bist”, merkte Karl an, “begreife ich auch nicht ganz, ehrlich gesagt?”
“Weil ich es satt habe, die Tippmaus zu spielen”, brummte Martin. Er nahm das kühle Bierglas und stürzte den goldgelben Rest in seinen Rachen.
Es war kurz nach zwölf.
“Eigentlich trinke ich nichts zum Mittagessen”, sagte Martin, das Glas abstellend. “Das ist heute eine absolute Ausnahme. Weil ich es nämlich satt habe, wirklich satt, mein Gehirn auszuwringen wie ein gebrauchtes Handtuch.”
Er legte seinen mit einem Turnschuh bekleideten linken Fuß auf das rechte Knie. (Oder war’s der rechte Fuß und das linke Knie?)
“Wieso denn dein Gehirn, wieso denn Handtuch, wovon redest du denn überhaupt?”
Karl blieb freundlich, obwohl ihm der Sinn nach Problemgesprächen mit alten Freunden im Augenblick, ehrlich gesagt, nicht stand. Er hatte ja nun wahrlich eigene Sorgen genug. Sein Laden, er verkaufte Füllfederhalter, stand kurz vor der Pleite.
Er solle den Namen ändern, hatte ein Berater von Pelikan ihm gesagt.
“Schreib- und Papierwaren Karl Schreiner”, das klänge etwas, na ja. Nicht ganz up to date.
Wie’s denn mit was Englischem wäre?
“Handy Killed the Füllfederhalter Star”, dachte Karl müde, weil an den Nebentischen alle auf ihre transportablen Idiotenphone glotzten.
Er lächelte nicht.
“Jeden Tag eine neue Folge”, sagte Martin, sich die Haare raufend. Plötzlich sah er wirklich müde aus, der alte Freund, eingefallen und grau, und Karl spürte, wie Besorgnis sich seine Innereien herauf arbeitete, hin zum Hirn. Auch er, auch Martin, sie würden alle sterben, irgendwann. “Weißt du eigentlich, was für ein Druck das ist? Ich dachte, wenn ich erst mal als Paperback Writer arbeite für Springer, dann hab ich meine Ruhe. Dann kann ich in aller Ruhe meine Kreativität verwirklichen, meine eigene Welt schaffen mich ausleben. Wovon ich all die Jahre geträumt habe, als Powerpoint-Präsentationsweltmeister.”
“Aber?”
“Aber? Vergiss es! Ich muss jede einzelne Folge um- und umschreiben. Nie sind diese verdammten Redakteure zufrieden. Mal ist ihnen alles zu düster, dann wieder passen die Namen nicht, dann hab ich zu viel Sex drin, dann soll ich bitte endlich mal aus einer anderen Welt als derjenigen der IT berichten. Aber ich hab nun mal jahrelang”, schrie Martin, “in der IT-Welt gelebt! Da kenn ich mich aus! Und ich kenn mich auch mit dem Ficken aus!”
“Bitte”, sagte ein soignierter Herr vom Nebentisch, “könnten Sie etwas leiser schreien, bitte? Ich nehme hier gerade mein Mittagsmahl zu mir.”
“Entschuldigen Sie bitte”, wandte Karl sich an den Herrn. “Das war ein Ausrutscher. Kommt nicht wieder vor.”
“IT”, fuhr Martin also fort, leicht verdattert auf den Herrn am Nebentisch blickend (an wen erinnerte der ihn bloß?), “IT, was soll ich denn machen? Ist doch nicht das Schlechteste, IT?”
“Bestimmt nicht, bleib dabei”, sagte Karl knapp und schob sich Bauernfrühstück in den Mund. Allerdings nicht mit einer Mistgabel. Das war ein bisschen ein Stilbruch, wie Karl hätte anmerken können.
“Weißt du”, sagte Martin, “ich weiß, ich kann das Monika und Daniel nicht antun. Das wäre absolut unverantwortlich. Das ist mir sehr wohl bewusst! Aber manchmal hätte ich wirklich Lust, alles hinzuschmeißen.”
“Und dann? Zurück zu den Powerpoint-Präsentationen?”
“Das war gut bezahlt”, murmelte Martin. Er spielte mit dem leeren Glas herum. Der Bierdeckel machte einen schwachen Versuch, ihm ein Lied aus uralten Zeiten ins Ohr zu summen. Doch Martin gab nicht Acht.
“Martin, aber wenn ich dir ganz kurz mal O-Ton von damals vorspielen darf …”
Martin hob die Hand, abwehrend: “Nicht nötig. Ich hab’s alles noch halbwegs genau gespeichert.”
“Die Hölle auf Erden”, mampfte Karl und lachte. “Das war die Hit-Single damals.”
“Sie zahlen ja auch anständig. Das muss man den Springer-Schweinen lassen.”
“Darf’s noch eins sein?”
Wenn es ein Mann gewesen wäre, der gefragt hätte, und nicht eine junge Frau mit angenehm weit auseinander stehenden Augen, dann hätte er “Nein” gesagt. Da war er sich sicher.
“Ja, sehr gern, danke.”
“Dein zweites Bier?”
“Ich hab’s im Griff”, sagte Martin nur.
“Man hat’s nicht im Griff.” Karl schüttelte den Kopf. “Es hat uns im Griff.”
“Jeder muss sein blaues Kreuz allein tragen.”
Für Martin war die Sache damit abgeschlossen. Er durfte sich doch wohl mal einen milden Rausch gönnen zum Mittagessen!
“Iss wenigstens was”, sagte Karl. Dringlich. Seine kleinen, kurzsichtigen Augen waren fest auf Martin gerichtet.
Dieser spürte, wie ihm heiß wurde. Scham, Wut, Verlangen nach dem Alkohol. Es war ihm unangenehm, dass Karl sich um ihn sorgte, und noch unangenehmer war ihm, dass Karls Sorge berechtigt war. Im Büro damals hatte er im Schreibtisch immer ein paar Schnäpschen aufbewahrt. “Kleine Feiglinge”. Das war nicht gut gewesen. Er war haarscharf an einer Scheidung vorbei geschrammt, als alle Fläschchen leer gewesen waren.
Vielleicht sollte er darüber mal schreiben?
Bestimmt wäre das den Springer-Leuten zu kontrovers! Zu heikel! Wer ein Springer-Printmedium in die Hand nahm, war doch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht 100prozentig nüchtern dabei?
Sollte er beschreiben, wie er damals an den Baum gerollt war mit dem Toyota, im Schritttempo? Und wie seine Frau die Rückscheibe eingeschlagen hat, mit dem Baseballschläger des Sohnes?
Vielleicht, dachte Martin, sollte ich mal was im Stephen-King-Stil schreiben? Das wär doch womöglich mal ganz lustig … hatte nicht Frank Schirrmacher Stephen King als Welt-Literaten bezeichnet?
“Ist das gut, das Bauernfrühstück?”
“Deliziös”, sagte Karl.
“Wirklich?”
“Ich mag den Laden.”
Karl zuckte die Achseln. War er Restaurantkritiker? Er verkaufte Füllfederhalter!
Und leider nicht allzu viele …

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