Ein Leben, ein Zufall

Dezember 12th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Sie lebte in einem kleinen Zimmer, direkt neben einer Kirche, der Matthäuskirche. Ihr ganzes Leben spielte sich in winzigem, beinahe puppenstubenhaftem Maßstab ab, und ob es ein Glück war, dass sie ihren Job in einem Spielwarenladen behalten konnte, während ihre Kolleginnen nach und nach entlassen wurden, oder ob es ein hämischer Streich des Schicksals war? Man weiß es nicht. Sie war zufrieden, sie beriet gern, half gern weiter. Die Kunden mochten sie, viele von ihnen nahmen die etwas höheren Preise des Einzelhandels wegen der freundlichen Beratung in Kauf. Spielsachen, von ihr gekauft, hatten einen anderen Glanz als die Schleuderprodukte der Großhändler.

Nie verkehrte sie mit einem Mann, noch nicht einmal gesellschaftlich. Sie als schüchtern zu bezeichnen, träfe gleichwohl den Punkt nicht ganz. Es ergab sich einfach nie. Es war eine Zufallssache. Zudem war sie nicht besonders hübsch, sie hatte keine Ausstrahlung, die jemanden von fern spontan zu ihr hingezogen hätte. Dieser weibliche Glanz ging ihr ab. Eher blieb man bei ihr, wenn man in ihren Bann geraten war. Dass es keinem Mann geschah, ist eine Tatsache, nichts weiter. Bedeutungslos, wie alle Tatsachen.

Sie hatte zwei sehr gute Freundinnen, noch aus der Schulzeit, von denen die eine starb, als sie in die fünfziger Jahre ihres Lebens eintraten. Krebs. Fern sah sie gern. Vor allem liebte sie Thomas Gottschalk, auch die Sendungen des NDR, Carlo von Tiedemann erwärmte ihr Herz. Vieles war ihr zu grell, die ganzen Casting-Shows, weinende Kinder, aber jetzt war sie auch alt, sie brauchte nicht mehr viel. Ab und an ein ZDF-Krimi, das reichte ihr.

In ihrem ganzen Leben hatte sie zwei Bücher gelesen, immerhin die Geschichte des Ritters von der traurigen Gestalt (die Tieck-Übersetzung, in einer leicht gekürzten Ausgabe) und “Der Idiot” von Dostojewskij. Diese Bücher las sie mehrmals, es bereitete ihr ein ganz seltsames, inniges Vergnügen. Überhaupt hatte sie zum Leben ein inniges Verhältnis. Sähe man näher zu, wäre es sicher zu bedauern, dass sie kinderlos blieb. Kinder hätten sie geliebt, und ihre Befähigung, Kinderherzen mit Glück zu erfüllen, kann man nicht bezweifeln.

Sie war ein Genie des Lebens.

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