Schreiben und Leben

Dezember 23rd, 2009 § 1 Kommentar

“Ich erinnere mich”, erinnert sich der Blogozentriker, “wie ich meinen ersten Roman draußen hatte. Endlich. 40 Jahre hab ich daran gefeilt, Tag und Nacht. Es ist ja nicht so, dass man sich hinsetzt, und dann schreibt man das so runter. Das wäre ja völlig undialektisch, um nicht zu sagen: hanebüchen. Sondern man muss als Autor sehr sorgfältig mit Drogen, z. B., experimentieren. Bei mir stellte sich schon sehr früh heraus, dass die perfekte Droge Alkohol ist. In Sachen Beschaffungskriminalität ist das natürlich ideal, denn ich hab einen Kiosk direkt vorm Haus. Da kann man dann auch mal spätnachts einbrechen, wenn man seinen Stoff braucht, weil man vielleicht an einem Halbsatz hängt, der einfach nicht gelingen will.”
“Okay, Blogo”, unterbricht endlich der Interviewer, “aber du wolltest doch ganz etwas anderes erzählen, stimmt’s nicht?”
“Ja, du hast recht.” Der Blogozentriker fragt, ob er mal kurz pinkeln gehen dürfe? Die Erlaubnis wird gewährt. Daraufhin ist im Flur etwa eine Viertelstunde lang ein plärrendes, prasselndes Strullgeräusch zu hören. Sich die Hände reibend, kehrt der Blogozentriker daraufhin zurück. “Riesenblase”, sagt er, und: “Déformation professionelle”, und: “Wo waren wir?”

Er hatte also den ersten Roman draußen, endlich, “Hohlkörper”. Ein eher schwieriges Werk, trotz aller Heiterkeit experimentell; einer dieser Romane, bei denen man, wenn man nicht mehr ganz nüchtern ist und im Bett liest, schon nach wenigen Absätzen wegsackt.
Gleichwohl: Die “Hohlkörper” waren auf dem Markt.
“Nach einer ersten Phase der Euphorie”, erinnert sich der Blogozentriker weiter, “stellt sich bald Abgeklärtheit ein. Wenn das der Ausdruck ist. Die Erfahrung, die Sie als Autor sehr bald machen, ist: Keine Sau liest.” Diesen Eindruck habe ihm die Mitarbeiterin eines Marktforschungsunternehmens bestätigt.
“Ja, es wird ungefähr zehn Mal mehr gekauft als gelesen”, sagt sie. “Und wir gehen eigentlich davon aus, dass auch dieser Wert auf einer Lüge basiert. Für realistisch erachten wir intern ein Verhältnis von 1:30.”
Kann man also davon ausgehen, dass Herta Müller, die es mit ihrem Roman “Atemschaukel” auf den zweiten Platz der “SPIEGEL”-Bestsellerliste schaffte, als Autorin trotzdem als Künstlerin eine Unbekannte ist?
“Unbedingt”, nickt die Dame. Sie lacht verlegen. Sie ist elegant gekleidet, trägt eine schwere Kette, “ein Familienerbstück”, wie sie sagt.

Sie sagt: “Es gibt tiefgründige Literatur, eine Seelenerforschungs-Literatur, oder auch eine sozial sondierende Literatur. Es gibt reißerische Literatur, die verkauft sich am besten, weil sie dünn und anspruchslos ist, und es gibt die klassische Bestseller-Literatur, die sich vor allem durch den Umfang und das Wikipedia-Gehabe auszeichnet.”
Das scheint uns eine ausgezeichnete Gelegenheit, um einzuhaken. Dan Brown, Frank Schätzing, Ken Follett, diese klassischen Bestseller-Literaten, fragen wir, die würden doch gekauft wie Hulle?
Ja, die Dame lacht dezent.
(Sie ist prima.)
Gekauft würden diese Autoren, sagt die Dame, ja, aber bei genaueren Untersuchungen habe man herausgefunden, dass selbst ihre Werke, die ja extra auf Eingängigkeit und Zugänglichkeit geschrieben seien, kaum wirklich gelesen würden.
Bitte?
Wir fassen es nicht. Wir sehen uns an, der Interviewer und ich.
Ja, diese Bücher würden geknickt, geschunden, an den Strand und in die U-Bahn geschleppt. Sie würden geprügelt und geknüppelt, damit sie diese typische überstrapazierte Bestseller-Literatur-Haptik erwürben. Als hätte sie schon eine ganze Schulklasse durchgeackert.
“Aber bitte”, sagt die Dame sehr eindringlich zu uns, “achten Sie bei so einer U-Bahn-Leserin mal auf die Augen. Sie werden feststellen: Die bewegen sich nicht. Oder sagen wir: Nur in den allerseltensten Fällen bewegen sich ihre Augen.”
“Wollen Sie damit andeuten”, holt der Interviewer jetzt zum großen Wurf aus, “dass Dan Browns ‘Sakrileg’ — dass das Buch kaum von jemandem wirklich gelesen wurde?”
Die Dame wird rot. Sie senkt die Augen. Sie sagt, mit sehr leiser Stimme: “Sie werden es nicht glauben, aber sogar Herta Müllers ‘Atemschaukel’ ist de facto öfter gelesen worden als ‘Sakrileg’.”
“Das ist schockierend”, sage ich. “Weiß denn die Weltöffentlichkeit darüber bescheid?”
Die Dame nickt: “Aber sicher. Und wenn Sie sich die Mühe gemacht hätten, meine Herren, auch nur ein wenig zu recherchieren vor diesem Interview, dann hätten Sie’s auch gewusst.”
“Sorry, aber Recherchieren”, sagt der Interviewer, “das kommt für uns nicht in Frage.”
“Das kommt nicht in die Tüte”, sage ich.
“Na”, sagt die Dame indigniert, “sehen Sie!”
“Außerdem”, sage ich, “mach ich hier nur die Fotos!”

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§ Eine Antwort auf Schreiben und Leben

  • ConnyD sagt:

    Vielen Dank für den spitzen Beitrag. Ich war letzte Woche bereits mal auf dem Blog hier. Mal sehen, unter umständen lockt mich die Suchmaschine ja noch mal hier her.

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