Und natürlich erwähnt er Adorno

Dezember 30th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Einfach nur mal kurz dasitzen, ohne etwas sagen zu müssen, und ein paar Sätze hinschreiben mit seinem neuen Füller. Wenn man’s ganz genau nahm, dann war das auch schon alles, worum es ihm in diesem Augenblick ging. Tief und friedvoll ging sein Atem. Er war ja keiner, der die Welt packte und sich über die Schulter warf, und dann rauf aufs Fensterbrett und per Spinnenwebe aus Stahl hinaus in die Straßenschluchten. Er hatte im Augenblick keine große Theorie-Patsche im Rucksack, mit der er die Fliegen des Realen totschlagen konnte. Er wusste nicht, wer die Guten waren und wer die Bösen. Wie irgend jemand das je herausgebracht hatte, war ihm, genau genommen, schleierhaft. Gut und Böse trafen sich jeden Abend auf eine Partie Poker, in irgendeinem Hinterzimmer, im schäbigsten Winkel von irgendeiner Stadt, irgendwo auf der Welt. Mal gewann der eine, mal der andere. So sah er die Dinge. Die Strahlen der Zeit kreuzten sich, ein leises Sirren lag in der Luft.

Er lebte, wenn man so will, in einem Aquarium. Es gab Besseres, es gab aber vermutlich auch Schlechteres. Er pfiff leise vor sich hin. Die SMS, die er empfing, belehrte ihn, dass sein alter Kumpel Georg sich gerade einen Staubsauger gekauft habe, “ein unwahrscheinlich filigranes, schönes Ding, sehr handlich und praktisch”.

Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. “Nein, jetzt gerade nicht”, sagte er darum zu der Schwester mit der weißen Haube, die ihm ein metallenes Tablett in die Zelle bringen wollte. Er war etwas ungehalten, und sein Ton war unwirsch. “Ich schreibe gerade an einem Musical über Karl Marx”, fügte er darum, die Unangemessenheit seiner Reaktion bemerkend, als Erklärung hinzu.
“Karl Marx”, die Krankenschwester strahlte ihn an. “Das ist aber schön, dass Sie wieder zur Vernunft kommen!”
“Wer sagt denn”, fuhr ich auf, “dass ich je von Vernunft war? Also, von Sinnen?”
Mein Handy fiel mir aus der Hand.
“Ach”, sie gab sich zögerlich, ein zerbrechliches Weibchen, obwohl sie sonst ganz schön zulangen konnte. Ich bückte mich nach dem Handy, ohne sie aus den Augen zu lassen. Sie zog sich sogar in Richtung Tür zurück, so gut beherrschte sie ihre Rolle. “Das ist so ein Gerücht”, piepste sie, “das in unserer hübschen kleinen Klapsmühle die Runde macht.”
Ich setzte mich wieder, zupfte den Anzug zurecht, schraubte den Füllfederhalter wieder auf.
Was glaubten die eigentlich, wer ich war?
“Unglaublich”, murmelte ich. “Sauerei. Ich werde mich beim Anstaltsleiter beschweren.”
“Möchten Sie jetzt Ihren Toast Hawaii oder nicht?”
“Ich denk doch nicht dran!”
“Dann schreiben Sie halt Ihr Musical.”
“Musical?” Es kam als scharfes Pfeifen heraus.
Sie stutzte. “Sie haben doch gesagt, Sie schreiben ein Musical? Über Marx?”
“Aber das ist doch Unsinn, meine Gute”, sagte ich, und dabei stand ich schon wieder auf. Ein mildes Lächeln floss über meine Lippen. “Das muss Ihnen doch auch klar sein, dass das Unsinn ist, was Sie da reden. Ich unterzeichne hier Todesurteile. Das tue ich.”
Sie sah mich bestürzt an.
“Todesurteile?”
“Ja”, sagte ich und langte nach dem Stapel hinter mir. “Wie, sagten Sie, sei Ihr Name?”

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