Du und ich und ich und du

Januar 11th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Jeder Jeck, sagen die Kölner, sei anders. Das stimmt auch für die Menschen, die nicht in Köln leben. Einen jeden zeichnet eine, seine, ganz besondere, von Peinlichkeiten ganz eigener Art gewellte Geschichte aus. Es wäre da für einen Mikro-Historiker, der sich von Betrachtungen à la “Weltgeist zu Pferde” distanzieren möchte, Unendliches zu entdecken. Im Vergleich dazu ist das Internet ein Scheißdreck. Allein all diese Tagebücher, in denen ja Dinge stehen, die ein Normalbürger nie öffentlich machen würde! Wer sich die zu verschaffen wüsste … Schon der Sprung ins Führen dieses Tagebuches, in den Bereich des Bewusstseins hinein erscheint Vielen ja als letztlich pervers. Mit zittriger Federspitze vertrauen sie dem geduldig-stummen Papier ihre Begehrlichkeiten hinsichtlich der Jana von nebenan, des Lukas von gegenüber an.

Nein, da gibt es noch unzählige Kontinente, die man entdecken kann, und mit jedem Bewusstsein, das entsteht, aus Geschichte, Genen und Gegähne unter Schmerzen und Verwirrungen hervorgeht, vermehren sich explosionsartig diese Kontinente. Da gibt’s einen regelrechten inneren Kosmos, den früher die Geschichtenerzähler erschlossen, vermessen, geborgen haben. Heute tun das die Psychotherapeuten, bei denen die Geplagten sich lang machen, sich niederlassen und ausstrecken. All dieses Leben wird gegen eine hohe Decke geredet, und dann wird es stumm.

Aber man darf eben auch nicht pathetisch werden, was diese ganzen Partikular-Geschichten angeht, sonst wird man blind. Blind für das Größere, das über allem schwebt. Denn das meiste, was gelebt wird, ist Müll. André Malraux hat einmal einen ungeheuren, wie ich finde, Satz gesagt: “Der Mensch ist nicht viel; aber nichts ist so viel wie der Mensch.” Das stimmt, nur eben in beiden Teilen. Wie da einer auf seinem Sofa liegt und davon träumt, im Lotto zu gewinnen, das ist großartig, auf seine Art. Wenn ein Döblin es einspannt in die Charakteristik eines modernen Lebens, das zusammengeschrumpft ist eigentlich auf die Möglichkeit, sich durch einen Lottogewinn aus der Misere zu befreien, ist es grandios und wahrhaft erschütternd. Es fließt sofort hinaus in eine Perspektive, wird leuchtend als Mosaiksteinchen, beladen mit ganz eigener Verzweiflung und Verdammnis.

Dann aber, wenn ein Kitschfabrikant sich der Szene nähert, und dann beschwört er das ganze kleine feine Pathos des Biedermannes — das ist zum Brechen. Da gilt dann mit voller Wucht: “Der Mensch ist nicht viel.” Er ist, im Zweifelsfall, nur ein Idiot, der vom Lottogewinn träumt, weil er von seinem Mitmenschen nichts mehr erwartet.

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