Nachdem ich das Konzept verloren hatte

Januar 11th, 2010 § 2 Kommentare

Jeder braucht eine Chance. In diesem Punkt gab sich Friedrich Friederichsen keinen Illusionen hin. Wenn ihm damals der Chefredakteur der “Spast”, des angesagtesten Musikmagazins Hamburgs, Lorenz Zedernfeld, nicht die Hand hingestreckt hätte, um ihn an Bord der Fregatte zu ziehen — er würde wohl immer noch in Wilhelmburg Teller waschen, nachdem und bevor er sich betrunken hätte. So aber galt er national als Edelfeder, allein schon, weil er die Kunst beherrschte, jeden Sachverhalt so auszudrücken, dass es so klang, als sollte man sich da ohne einen Doktor in Quantenphysik gar nicht ran trauen. Dabei waren es zumeist ja eher banale, wo nicht die allerbanalsten Dinge überhaupt, von denen er handelte! Musik und Filme, halt. Es genügte für seinen Job im Grunde, ein paar Namen von Schauspielern und Regisseuren zu kennen und ein paar schwergewichtige Theoretiker, die bei ihrer Übersetzung aus dem Französischen an Unverständlichkeit noch ein paar Kilo zugelegt hatten. Vor allem musste man trinkfest sein, damit man immer genau orientiert war, wer welches Drogenproblem hatte.

Aber eben, genau das ist ja Kunst, dass man etwas, das wahnsinnig schwer ist, ganz leicht aussehen lässt — und vice versa. Zumindest war das die Definition von Kunst, die Friedrich Friederichsen für sich entwickelt hatte. So war er der Mann mit der flotten, frechen Schreibe geworden. Seine Mitbewerber, die das alles viel zu nah an sich heranließen, diese ganze Popkultur-Scheiße, hatte er abgehängt. Die trödelten irgendwo in irgendwelchen Provinz-Feuilletons herum und schrieben über Konzerte von Lou Reed und neue Opern von Georg Kreisler, während er eine CD-Neuerscheinung nach der anderen über die Klinge springen ließ. Man musste die Evolution nachahmen. Nur wenige konnten es schaffen. Wenn ihn irgendetwas bei einem Album ansprach, jazzte er die ganze Sache hoch, als wäre eine alternative Fassung von Mozarts “Requiem” in Salzburgs Archiven aufgetaucht. Auf das “Requiem”, das wusste er, konnten sich auch diejenigen Musikkenner einigen, die Mozart ansonsten süßlich und pappig fanden und ganz klar dem sehnigen, mathematischen Bach den Vorzug gaben.

Das “Weiße Album” der Beatles, z. B., das war auch so ein Fall. Auch das konnte eigentlich jeder leiden, wie das “Requiem” von Mozart. Bei aller Simplizität im Einzelnen, dachte Friedrich Friederichsen, in der U-Bahn, noch ziemlich hinüber von der Record-Release-Party gestern im “Stagefright”, überzeugte das “Weiße Album” als Konzept-Dings durch geradezu erschlagende Komplexität und erschütternde Vielschichtigkeit. Das war schon einfach ein Riesen-Wurf, den die Beatles da gelandet hatten! Zu blöd, dass Friedrich Friederichsen plötzlich kotzmäßig schlecht wurde. Da spülten sich plötzlich noch ein paar Schnäpse durch das ganze Bier in seinem Magen hoch, und ihm platzte gelber Schwall aus dem Mund, seinem Gegenüber genau auf den Mantel.
“Na, entschuldigen Sie mal”, sagte dieser, sich samt “Frankfurter Allgemeine Zeitung” aus der Schussrichtung von Friedrich Friederichsens Kotze-Strahl flüchtend. “Das geht hier ja zu wie im Barock!”
“Na”, Friedrich Friederichsen würgte noch ein paar Tequilas raus, “tut mir leid, sorry. Ich hab echt n bisschen viel gesoffen, gestern.”
“Das scheint mir aber auch so”, meinte ein Typ mit Pudelmütze und schwarzer Brille, offenbar ein Student, der sicher einige von Friedrich Friederichsens Artikeln halb auswendig konnte. So ein Klugscheißer, mit Freitag-Tasche aus Lkw-Plane. Sie wissen schon.

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