Paar Passanten

Januar 11th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

- Für den einen, weißt du, ist dieses Pathos der Innigkeit, wie es sich in der schwärmerischen Betonung des Wortes “Gesang” ausspricht, lebensnotwendig. Dem anderen verdirbt es den Appetit.
Der Dramaturg L., inzwischen nur noch an den großen Häusern tätig und von der Kröte Arroganz schon halb hinuntergeschluckt, blickt wehmütig-mitleidig durch die enge Gasse. Venedig, Weihnachten. Es ist eine “sentimental journey”, wie man sagen könnte. Vor 20 Jahren waren wir nämlich schon einmal hier, auch an Weihnachten, als Flüchtlinge vor dem Familienfest, zusammen mit Ed und Karlheinz, die jetzt im Hotel auf uns warten. Es war seinerzeit ein anderes Hotel gewesen, wenn auch dasselbe, damals roh gezimmert, mit großen, knarrenden Betten, auftrumpfend mit einer gewissen sparsamen Kargheit. Heute machte sich anstelle dieser Kargheit Prunk breit. Billiger Luxus, der sein Geld nicht recht wert schien, nach Nepp roch.
Doch waren wir wieder jung.
Einer jungen, gazellenschlanken Frau waren wir bald zwei Stunden lang gefolgt durchs Gewühl der winterlichen Calli, immer auf den Spuren ihrer pelzgezierten Stiefel. Dunkles Haar und dunkle Augen, leuchtend unter einer dicken blauen Strickmütze. Hineingewühlt hatten wir uns in die Ströme der Kauflustigen und der Touristen. Der venezianisch-elegante, etwas todessüchtige Schwung ihrer schmalen Nase. Vielleicht dachte L. an eine Gondel dabei, an eine Gondel, die ihn hinübertrug zur Toteninsel, nach San Michele? Er war so ein Idiot, dass er an solchen morbiden Vorstellungen Gefallen fand.
Vermutlich trug er dabei einen Band Stefan-George-Gedichte in der Tasche.
Ich, persönlich, war nur hier, weil L., Ed und Karlheinz mich bekniet hatten. Mir stand der Sinn nicht nach Aufwärmung, ich wollte die Suppe, die schon damals kaum geschmeckt hatte, kein zweites Mal auslöffeln. Zumal das, wovor ich seinerzeit geflohen war, längst keinen Bestand mehr hatte. Aber? Ich hatte mich breitschlagen lassen, natürlich. Vor allem Eds Bitten hatte ich nicht zu widerstehen vermocht. Wäre L. an mich herangetreten, von seinem Dienstapparat aus, womöglich mit Angabe seines Theaters sich meldend, ich hätte es gelassen. So aber war ich mitgefangen, und bald würde ich mithängen …
Denn wer einer glutäugigen Venezianerin auf ihr ureigenes Terrain folgt, muss besser gewappnet sein, als wir es damals waren.

Tagged:, , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading Paar Passanten at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.