So viel wie ein Mensch

Januar 12th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Friedrich Friederichsen las, mit zusammengekniffenen Augen, was der Blogozentriker am gestrigen Tag geschrieben hatte: “Dann aber, wenn ein Kitschfabrikant sich der Szene nähert, und dann beschwört er das ganze kleine feine Pathos des Biedermannes — das ist zum Brechen. Da gilt dann mit voller Wucht: ‘Der Mensch ist nicht viel.’ Er ist, im Zweifelsfall, nur ein Idiot, der vom Lottogewinn träumt, weil er von seinem Mitmenschen nichts mehr erwartet.”

Friedrich Friederichsen … dessen Name so unglaublich umständlich war in seiner pleonastischen Redundanz, dass seine Freunde natürlich darauf verzichteten, ihm einen einfachen, kurzen Spitznamen zu geben — nur der Blogozentriker rief ihn immer “Fritz Fritzsen”, was allerdings auch eine Provokation sein mochte, weshalb Friedrich Friederichsen stets so tat, als hörte er es nicht — FF also knirschte mit den Zähnen, denn, klar, er kapierte ja sofort, dass er hier gemeint war! Zwar hatte er noch nicht im Lotto gewonnen, aber sein Job bei der “Spast”, was war er, wenn nicht das Äquivalent eines Sechsers im Lotto? Und was war er selbst, wenn nicht ein biederer feiner kleiner Pathetiker?

Und?, dachte FF trotzig, stellte seinen Laptop in den Standby-Modus und ging ins Nebenzimmer, um lieber noch ein bisschen fernzusehen. Bevor er sich hier aufregte. Wichtig war, dass man in seinem Job viel fernsah! Im Fernsehen passieren ja sowieso die wichtigen Dinge. Heute, am Samstagabend, bevor er sich ins “Konkret” aufmachte, um dort bis zur Morgendämmerung zu saufen, noch schnell die “Tagesschau” zu gucken und “Das Wort zum Sonntag” und mindestens die erste Viertelstunde des Westerns, den sie in der ARD dann ja doch meist brachten (oder einen “Dirty Harry”-Film), das war Ehrensache!

FF lag also auf seiner Couch und trank ein Bier. Sie übertrugen gerade die Ziehung der Lottozahlen. Logisch, dass FF Lotto spielte! Allein schon, um am Montag im Büro erst mal bis zur Mittagspause darüber lamentieren zu können, dass er schon wieder nicht gewonnen habe, obwohl er, seit er vor etwa 300 Jahren angefangen habe, Lotto zu spielen, ja bestimmt schon 80 Millionen Euro … usw. Er ließ das Bier in seinen mit Erdnüssen gefüllten Bauch gluckern. Die Lottofee sagte:
“Sieben.”
Hab ich, dachte FF automatisch, und ist auch ein geiler Film, “Sieben”!
“Neun.”
Hab ich auch, dachte FF. Er richtete seinen Blick vom sich blähenden Bauch zum Fernseher.
Die nächste Zahl kommentierte er in Gedanken wieder mit: “Hab ich auch.”
“21.”
Hab.
“25.”
Ich.
Auch.
Jetzt saß er, auf der Kante seiner Couch. Fuck, dachte er. Nein, Fucking Fuck, wie Friedrich Friederichsen, dachte er, nur andersherum. Er war ein bisschen von der Rolle. Was ging denn hier ab? Machten sie “Versteckte Kamera” mit ihm?
Er dachte: “Hab ich auch!”
Der berühmt-berüchtigte “Sechser im Lotto” war also tatsächlich ihm in den Schoß gefallen!

FF saß da. Bewegte sich nicht. “Das Wort zum Sonntag” rauschte an ihm vorbei, der gesamte Western lief bis zum Abspann durch, ohne dass FF sich bewegt hätte. Und dabei musste er pinkeln wie Hölle! Aber sein Herz schlug so heftig, dass er Angst hatte, ihm würde etwas kaputt gehen, wenn er jetzt eine schnelle — oder überhaupt eine — Bewegung machte.
Endlich ließ er’s einfach laufen, auf die Couch, durch die Couch aufs Parkett. Ist doch scheißegal, dachte er belustigt, dann lass ich halt ein neues Parkett verlegen! Ein richtiges, ein neues, ohne Kratzer und Risse und Löcher!
Das beruhigte auch sein Herz wieder.

Dann fiel er auf seine Knie. Seine Stirn donnerte auf den IKEA-Couchtisch. Er schrie: “DANKE!”, und von unten kreischte diese verrückte Studentin, die sich einen Lärmbelästigungskrieg mit ihm lieferte. Ihm war’s egal. Er war so randvoll mit Dankbarkeit. Er hätte heulen mögen, aber es kam nichts raus.
Dass er wirklich dieses beschissene Fucker-Leben — dieses Fucking-Fucker-Leben, dachte er — verlassen durfte!
Un-fass-bar!
Was er jetzt als erstes tun würde, dachte er, war, sich was zum Ficken zu besorgen! Und Drogen.

Er hielt inne, am Telefon, den Hörer in der Hand. Moment mal. Wie kam man eigentlich an Drogen ran?

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