Notizbuch eines Psychiaters
Januar 14th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Wenn Sie Psychotherapeut sind, also sich um die Verwirrten und Gestörten dieser Welt kümmern, erleben Sie die dollsten Dinger! So hatte ich neulich einen da, einen eigentlich sehr aufgeweckten jungen Mann mit einem gewissen Bildungshintergrund, der lange herumdruckste, bevor er mit dem herausrückte, was ihm aktuell auf dem Herzen lag. Was er dann da von sich gab, war sogar für mich, der ich ihn ja doch sehr gut kannte, eine Überraschung! Er war schon seit vielen Monaten bei mir in Behandlung, und ich war weit davon entfernt, auch nur in Erwägung zu ziehen, es könne allmählich mal gut sein; dieser junge Mann war mir zwar sehr sympathisch, aber auf eine rätselhafte, sich mir entziehende Art und Weise war er auch gestört.
(Anmerkung: Heute, viele Jahre nach der Niederschrift obiger Zeilen, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es das Fehlen jedes Gefühls für die eigene Gestörtheit war, die sein Gestörtsein so rätselhaft, so unfassbar machte. Die meisten meiner Patienten leiden, deswegen kommen sie zu mir, und sie leiden meist vor allem an der Erkenntnis, dass es in ihnen etwas gibt, das sie an der Entfaltung ihrer selbst und am Aufgehen in der Gemeinschaft hindert. Dieser Patient aber war in dieser Hinsicht vollkommen anders. Die Erwägung, in seinem Gehirn könne etwas nicht ganz richtig sein, war ihm offenbar nie gekommen. Er lebte auf wundersame Weise eingefügt in den Kosmos des Alltäglichen — er selbst aber war keineswegs alltäglich, sondern vielmehr ein alle verstörender Irrläufer, ein Fremdkörper. War er so auf der einen Seite eine tragische Gestalt — objektiv betrachtet –, war sein Leben in subjektiver Hinsicht eigentlich beneidenswert. Sicher, er hatte seine Probleme, sonst hätte er sich nicht meinen Namen im Telefonbuch oder im Internet gesucht. Aber auch diese Probleme blieben geisterhaft, undurchsichtig, ungreifbar … ein Phänomen! Er hielt, vielleicht kann man es so sagen, im Grunde die Welt für gestört!)
Ich empfand, das sage ich offen, einen leichten Grusel, wenn mein Patient bei mir war. Nicht, dass er etwas offen Bedrohliches gehabt hätte; nichts wäre weniger der Fall gewesen. Er war freundlich und sehr ruhig, wie er da saß in dem alten, abgesessenen Sessel. Seine Sprechweise hatte nichts Aufgeregtes, zeichnete sich vielmehr durch eine flache, fast desinteressierte Modulation aus, was seinen Schilderungen immer etwas von einem Murmeln gab. Ihm schien es letztlich gleichgültig zu sein, ob ihm jemand zuhörte oder nicht. Oft, wenn die Sitzung eben beendet und der Patient gegangen war, ertappte ich mich dabei, wie ich mich fragte, ob das alles nur ein Spuk gewesen, ob da wirklich jemand gewesen sei? Einmal, vielleicht sollte ich das als Therapeut nicht sagen, legte ich sogar meine Hand auf die Sitzfläche des alten Sessels, um zu prüfen, ob sie noch Spuren der Körperwärme trüge. Das war der Fall.