Autos verkaufen

Januar 15th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Jochen Arnum war ein geduldiger, begeisterungsfähiger Mensch, eventuell, wie Spötter unter seinen Kollegen befanden, ein klein wenig prüde. Seine größte Schwäche war der Rotwein, und er gab ganz entschieden heimischen Gewächsen den Vorzug, Badenser Reben. Er kam von der Graphik, und immer noch hielt er den Rekord innerhalb seiner Agentur, was das Handzeichnen mit fünf Fluchtpunkten anbelangte. Er konnte eine Wendeltreppe so nebenbei aufs Papier hinschwindeln, fast im Stehen, und dabei glänzte auf seinem Gesicht ein glückliches Lächeln, denn das Zeichnen, das war ja nicht nur eine Sache des Bleistifts, sondern es fand auch im Kopf statt, und dort verursachte es eben große Glücksgefühle. Jedenfalls dem Jochen Arnum.

Herr von W. konnte eigentlich nichts. Er war mal Texter gewesen, aber kein grandioser, eher so ein gelangweilter, und da die meisten Auftraggeber Texte mochten, die sie langweilten, weil sie sich dann nicht ganz und gar verblödet vorkamen, war sein Aufstieg unvermeidlich gewesen und nicht zu stoppen. Jetzt saß er demgemäß mit Jochen Arnum im Anzug da und ließ sich Fernsehspots vorführen, die die Kreativen entwickelt hatte. Was er sich bei dem Wörtchen “kreativ” dachte, lassen wir unausgeführt; es entstünde da ungefähr so etwas Wendeltreppenartiges mit fünf Fluchtpunkten, aber zeichnen konnte Herr von W. eben auch nicht besonders gut. Entsprechend waren seine Vorstellungsbilder bei dem Wörtchen “kreativ”.

Er vollführte eigentlich immer nur kleine Nickbewegungen mit seinem schweren Kopf, aber er nickte nicht etwa alles ab, sondern es hatte mit diesem Nicken eine andere Bewandtnis. In China gab es nämlich einst einen legendären Henker, der sämtliche Enthauptungen mit seinem Schwert vornahm. Nun sind die Ostasiaten für die Schärfe ihres Essens und ihrer Klingen berühmt. Davon profitierte der Henker. Bevor seine Opfer noch begriffen, was da auf sie zukam, war die Rübe schon ab. Eigentlich war dieser Mensch also der Vorläufer der Guillotine, seinem Wesen nach war er auch sehr mechanisch und kaltblütig. Eines Tages nun arbeitete dieser Superhenker wirklich supergeschwind; das Schwert zu ziehen, es durch den Hals des Delinquenten zu führen und wieder in der Scheide verschwinden zu lassen, geschah innerhalb eines Blinzelns. Und da er soeben geblinzelt hatte, freute sich also der Delinquent.
- Offenbar, rief er fröhlich, hast du meinen Hals verfehlt, Henker!
- Hm, hm, machte der Henker hintersinnig, dann nick doch bitte mal!
Als der zu Köpfende seinem Henker zunickte, stellte sich heraus, dass er kein zu Köpfender, sondern tatsächlich bereits ein Geköpfter war — sein Kopf hoppelte fröhlich die Stufen des Hinrichtungspodests hinab. Ein kleiner Junge nahm ihn in die Arme und lief damit aufgeregt glucksend davon.

Und genau so verhielt es sich mit dem Lächeln des Herrn von W., nur dass nicht ihm der Kopf von den Schultern fiel, sondern den präsentierten Ideen. Er wickelte pausenlos Hustenbonbons aus, weil er meinte, die seien gut gegen Kehlkopfkrebs, und nickte.

Was er nie erfuhr, war, dass er zwischendrin auch einen Werbespot wegnickte, der für den Kunden, einen wirklich ziemlich großen, bedeutenden Automobilhersteller, einen beträchtlichen Imagegewinn bedeutet hätte, eine raketenartig gestiegene Popularität und entsprechende Umsatzveränderungen. Das erfuhr er jedoch, wie gesagt, nie, und es war ihm denkbarerweise auch ganz egal.

- Jochen, sagte er, als die Kreativen endlich weg waren, ich weiß ja nicht, aber deine Jungs scheinen mir ziemlich schreibfaul.
Jochen Arnum war überrascht.
- Wieso?, hob er die Brauen. Die haben uns doch gerade 25 Filmchen präsentiert?
- Ja, klar, sagte Herr von W., der ein Kratzen im Hals verspürte, aber trotzdem. Tagsüber sind die schreibfaul. Das hab ich im Gefühl.
Weil Jochen Arnum, der seine “Jungs” vor lauter Sehnsucht nach den Badenser Gewächsen zuweilen übersprungsartig “Jungsch” nannte, ihn bedenklich anblickte, fügte Herr von W. hinzu:
- Und abends sind sie sicher noch schreibfauler.

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