Moleskine
Januar 15th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Hatte er zuerst geglaubt, sein Gehirn spiele ihm üble Streiche (“schmutzige Tricks”), so ging ihm nach und nach auf, dass vielmehr eine schützende Strategie hinter allem steckte. Sein Gehirn führte, indem es Wahrnehmungsradierungen vornahm, einen aus der Tiefe heraufgerichteten Auftrag aus. All seine Aussetzer, seine Unmöglichkeiten; die dunklen, leeren Areale im Tagesablauf, die Absencen, die weggewischten Sekunden. Das Zappeln mit den Zehen, das Blinzeln im Oberstübchen, wie er es empfand. All das diente dem einen Zweck, ihn VOR DEM LEBEN ZU SCHÜTZEN. Als wäre das Leben eine unreine, feindliche Angelegenheit, ein Bazillus, mit dem man sich infizieren konnte. Es begann damit, harmlos genug, dass er Notizbücher füllte, eines nach dem anderen, immer mit demselben Füller. Es handelte sich um einen Füller mit schwarzer Kappe und metallischem Clip. Das Schreiben mit diesem Gerät empfand er als ausgesprochen lustvoll. Als Notizbücher kam nichts anderes als Moleskine-Produkte in Frage. Zuerst zögerte er, da diese, denen auch Hemingway und Bruce Chatwin bekanntlich den Vorzug gegeben hatten, als Markenware relativ teuer waren. Doch begriff er irgendwann, dass er just in dieser Frage nicht kleinlich sein durfte. Zumal außer dem Schreiben in seinem Privatleben nicht mehr viel passierte. Kam er von der Arbeit nach Hause, setzte er sich sofort an den Küchentisch, über dem niedrig eine Lampe baumelte, und begann ZU KRITZELN. Es gab also, so eine vorsichtige Rekonstruktion seiner privaten Mythologie (oder gar Theologie), eine Sphäre, die rein war, aus Plastik gleichsam und frei von todbringenden, zerstörerischen Motiven und Begierden, nicht unbedingt frei von Libido, aber doch durchseelt von libidinösen Wünschen, die sich nicht auf MENSCHEN richteten.
Er selbst glaubte, dass er an einem Roman schriebe, an einer ausgesprochen, außerordentlich verwickelten Sache. Im Vordergrund, so seine feste Überzeugung, stünde die Suche nach EINER FORM. Von dieser Form-Entscheidung hänge alles ab. Wie allerdings aus all seinen verstreuten, explosionsartig auseinander strebenden Einzelheiten je ein Gesamtbild sich hätte ergeben sollen, bleibt fraglich. Dass er wirklich, auch wenn der Zusammenbruch noch wäre hinauszuzögern gewesen, dieses Projekt zu einem Abschluss hätte bringen können? Man musste es bezweifeln. Die Gutachter jedenfalls bewahrten von den Moleskine-Heften allenfalls ein Zehntel auf, den Rest ließen sie im Keller der Anstalt verbrennen. Mürrisch übergab der Hausmeister die Schriften den Flammen. Ob die Wirkung dieses Verfahrens reinigend war, ist nicht bekannt.
War also, fragte Dr. Fraenkenstein, der seinen Studenten den Fall vorstellte, am Ende nicht das LEBEN der Bösewicht im kindlichen manichäischen Schema des Kranken, sondern DER MENSCH? Eine Studentin, ein einfühlsames, sensibles Wesen, fühlte sich erstaunlicherweise hingezogen zu diesem Merkwürdigen, der auch in seiner Zelle mit dem Schreiben nicht aufhören wollte. Auch wenn ihr professionelles Wissen sie vor solcher Empathie dringend warnte, war der Hang der Intuition, die Zugrichtung des Gefühls doch nahezu unwiderstehlich.