Er plötzlich
Januar 16th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Und plötzlich dachte sie noch einmal an ihn, dabei hatte sie vorher noch nie an ihn gedacht, vermutlich nicht einmal, als sie ihm damals in sein kleines Zimmer in der Türkenstraße gefolgt war. Ein paar Tage später hatte er ihr noch eine SMS geschickt, aber selbst da hatte sie nicht an ihn gedacht. Sie hatte nur die SMS gelöscht. Sie konnte sich nicht erinnern, ob sie die SMS überhaupt gelesen hatte. Es war ihr nämlich eigentlich vollkommen egal, was ihr so einer zu sagen hatte, das stimmte ja doch alles nicht. Man verwechselte sie nur mit einer anderen, Besseren. Übrigens, ob die SMS damals überhaupt von ihm gewesen war, selbst das hätte sie nicht mit Bestimmtheit sagen können. An SMSen herrschte bei ihr nämlich kein Mangel.
Zu jener Zeit hatte sie jede Menge dieser Begegnungen gehabt, hatte sich im Kino in einer Mittagsvorstellung neben einen gesetzt, der nicht ganz und gar heruntergekommen aussah, und irgendwann die Hand auf seinen Oberschenkel gelegt. Den meisten Männern war das sehr recht. Die meisten hatten sie im Anschluss noch auf einen Kaffee oder ein Bier eingeladen, und dann waren sie im Bett gelandet, und so sollte es ja auch sein, das war der natürliche Gang der Dinge. Manche waren ja auch wirklich sehr nett, einige entpuppten sich sogar als regelrecht wohlhabend. Die waren nicht ins Kino gegangen, um der inneren Kälte zu entgehen, sondern weil sie Filme liebten und sonst nichts zu tun hatten. Einmal erwischte sie sogar einen Filmkritiker, und ihr zu Ehren brachte er in seiner Kritik einen Hinweis auf sie an — zumindest hatte er ihr das versprochen, als sie sich trennten. Sie las keine Zeitungen.
So brachte sie die Tage hin, und abends schenkte sie Bier aus. Und dann war sie eben an ihn geraten. Er war schon eine zerschundene Figur, aber nur innerlich. Äußerlich hatte er ihr gefallen, mit seinen dunklen Haaren und dem klaren Lächeln. Aber als sie dann fertig waren, in seinem absurd großen Bett in diesem absurd kleinen Raum in der Türkenstraße, da floss es aus ihm heraus. Der ganze Schmerz, die bittere Galle. Wie er da nackt lag. Er fing an, über seine Freunde zu jammern, seine Ex-Freundin zu beschimpfen, seine Mutter und seinen Vater dafür anzuklagen, dass sie ihn auf die Welt geschickt hatten. Sie hörte sich das an, und etwas in ihr verschloss sich. Sie selbst hatte ja auch jede Menge Grund, sich über ihre Erzeuger zu beschweren, aber was hatte es für einen Sinn? Man musste sich arrangieren.
Als sie jetzt an ihn dachte, schräg durch das Café blinzelnd, schon im Aufbrechen, fiel ihr beim besten Willen nicht mehr ein, wie er ausgesehen hatte. Sie griff nach dem Mantel. Sie entriegelte das Schloss ihres Fahrrads. Sie hatte jetzt einen festen Freund, der als Texter in einer Werbeagentur arbeitete und immer erst spät nach Hause kam. Für jemanden, der vom Umgang mit Wörtern lebte, war er ziemlich maulfaul, dachte sie, aber er behandelte sie anständig. Er trank meist noch ein paar Bier, dann ging er schlafen. Sex erwartete er nicht, außer manchmal am Wochenende. Ihr war’s ganz recht, sie hatte genug davon gehabt. Sie hätte gerne Kinder gehabt, zwei Stück, und einen dazu passenden Kinderwagen. Sie träumte von einer ganz normalen Familie, Er, Sie, sie und er. Es war besser, dachte sie, Bruder und Schwester zu sein als Bruder und Bruder. Schwester und Schwester war schon wieder etwas besser als Bruder und Bruder, aber das Gelbe vom Ei war’s eben auch nicht.
Sie sprang auf ihr Rad und fuhr los.