Vision statt Werbung
Januar 16th, 2010 § 5 Kommentare
In einer tollen, spannenden Keynote Speech entwarf der One-girl-think-tank Marion Krass-Ei bei der letzten INTERMEDIA eine kühne Vision für die Zukunft der Werbung:
Ich glaube, dass der Verbraucher in Zukunft mehr will als nur eine Ware. Er will auch nicht nur eine Story. Er will einen Partner. Er will nicht in einen BMW steigen, der für ihn nichts ist als ein Haufen Blech — schön designt, okay, aber doch letztlich nur Blech mit einem schicken Schimmer drauf. Der mündige Verbraucher, und als solchen müssen wir uns unseren Kunden leider heute schon denken, der mündige Verbraucher wird Wert darauf legen, dass er sich mit unseren Produkten IDENTIFIZIEREN kann.
So verrückt es für einige von Ihnen vielleicht klingt, er wird mit seinem Fernseher reden, und er wird mit seinem Herd reden, und er wird auch mit seinem Geschirrspülmittel reden. Und ich prophezeie Ihnen eines, meine Damen und Herren: Derjenige Herd, der nicht reagieren, jener Fernseher, der stumm bleiben, das Geschirrspülmittel, das keine Antwort wissen wird, ist aus dem Rennen. Über diese Erfindungen brauchen unsere Entwicklungsabteilungen nicht mal nachzudenken! Das wäre nur vergeudete Zeit.
Der Verbraucher mit Grips erwartet von uns Produkte, die interaktiv sind, die auf seine Wünsche, seine Schmerzen, auf sein Time Management eingehen. Sensible, kluge Produkte. Freundliche, sanfte Produkte. Ein Auto, das seine Tür für uns öffnet, ist ein Auto, das deutlich höhere Durchsetzungsaussichten hat als ein Auto, das einfach nur vor mir steht. Kaufe ich mir ein unfreundliches Auto? Für gutes Geld? Ich bin doch nicht blöd! Ich will natürlich ein Auto, mit dem ich mehr machen kann als durch die Gegend fahren. Mal zusammen einen schönen Abend verleben. Mal ins Kino gehen. Oder auch zu Hause bleiben und Fußball schauen.
Gehe ich zu weit, wenn ich fordere, dass ein Auto, das sich auf dem Markt behaupten will, sich auch nicht zu schade sein darf, ab und an tiefergehende Bedürfnisse zu befriedigen? Ich rede von Sex, ganz genau. Die Idee, mit einem Auto in einem Bett zu liegen, stößt mich natürlich genau so ab wie Sie! Das wäre ja idiotisch, das wäre Fetischismus! Das wäre ein Schritt zurück. Aber es gibt ja im internationalen Fachhandel heute auch schon gewisse Utensilien, die mehr als nur die Simulation eines erfüllten Sexuallebens zulassen! Könnte man an dieser Stelle nicht ansetzen? Und die Fortschritte in dieser Hinsicht mit den Fortschritten des Allradantriebs kombinieren?
Schon das männliche Vibrieren des Schalthebels ab Tempo 120 war ein Schritt in die richtige Richtung! Ich bin der festen Überzeugung, dass diejenigen Köpfe, die genau an dieser Schnittstelle von customer needs und technological myths ansetzen, die besten Chancen haben werden …
Leider unterbrachen genau an dieser Stelle die Idioten von Frau Kolossa mit dem Werfen von roten Teddybären den tollen, spannenden Vortrag. Auf dem Tonbandmitschnitt gibt’s von hier an nur noch Rufe zu hören wie: “Hängt die Halunken!”, “Ich will mein Geld zurück!” und “Ihr vergleicht Äpfel mit Bären!” Dann gibt’s ein “KRAWAMM”, und dann sagt jemand ganz leise: “Hey, Henry. Bist du noch da?”
Naja, ich finde diese Vision beängstigend und finde es völlig harmlos, da einen Teddybären zu werfen. Mit dem Fernseher und dem Herd reden, ist das jetzt innovativ? Mir fällt da eher George Orwell ein.
Lieber Ganove68,
wenn Du den Blogozentriker ein bisschen kenntest, wüsstest Du, dass es sich bei obigem Text um eine Satire handelt. Natürlich sind diese Produkte völliger Stuss! Kein Mensch braucht ein Geschirrspülmittel, das mit ihm redet!?
Als alter Leser dieses Blogs weiß ich, dass Blogo hier gewisse Anomalien marketingmäßigen Sprechens aufs Korn resp. die Schippe nimmt. So ist er. Er meint es nicht bös. Dass er am Ende seine Kumpels von Frau Kolossa aufmarschieren lässt, spricht ja auch Bände, oder?
Und der rote Teddy ist eine Anspielung auf ein infames Erlebnis, das Teddy W. Adorno einst hatte … manche sagen, es habe ihm das Herz gebrochen. Das ist vermutlich etwas übertrieben, aber wer weiß!
Alles Gute,
Joe Fitzsimmons
find das ende (kursiv gedruckt) bisschen grob. der zweite absatz ist jedoch echt genial und sehr unterhaltsam.
ich verbessere “zweiter abschnitt”
Ironie, aha. Tja, die Marketingwelt ironisch darzustellen, ist schwierig, weil da grundsätzlich alles denkbar ist. Dass Produkte entwickelt werden, mit denen Menschen reden, ist ja Realität.