Ich, ich
Januar 18th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
“Ich, ich habe Adornos Radiovorträge schon einmal gehört”, schrie der Eiferer, über das Toben der Blogozentriker-Fans hinweg, die alle ihre Gesamtausgaben von Theodor W. Adornos Schriften mitgebracht hatten, um sie kollektiv in einem einzigen großen RATSCH zu zerreißen. War indirekt nicht ein Appell in dieser Richtung an sie ergangen? Verschiedene Fernsehsender hatten ihre Reporterteams vor Ort geschickt, um dieses RATSCH live zu übertragen. Es wäre ja, Hand aufs Herz, schon so etwas gewesen wie die ultimative Apotheose der Kulturindustrie!
Eine junge Reporterin, sehr hübsch, leckte sich über die Lippen. Das Mikrofon hatte sie einsatzbereit. Ihr Kameramann, wenn ästhetisch von ihr auch fasziniert, lehnte sie aufgrund gewisser ethischer Schaudergefühle dann doch ab. Lieber widmete er sich seiner Technik. Zum Glück gab’s da immer was zu tun, an Knöpfen zu drehen, Bänder zu prüfen, Batterien auszutauschen.
“Und ich versichere Ihnen, meine Damen und Herren”, fuhr der Eiferer fort, “bei diesen Vorträgen kann man nicht davon reden, Adorno habe sich der Massenmedien bedient! Adorno war ja nicht Hitler, im Gegenteil, er war weit davon entfernt! Adorno ist auch im Radio so sperrig, wie er’s im Vortrag war — und wie sperrig er im Vortrag war, davon können Sie sich beispielsweise in dem Buche ‘Ästhetik’ einen Eindruck verschaffen, einer Sammlung von Vorlesungen zur Ästhetik, die Adorno in den Jahren 1958 und 1959 gehalten hat!”
Damit hielt der Eiferer ein dunkelblaues Buch in die Höhe und erklärte, für den Preis von “nur” 43,80 Euro sei es über den Handel zu beziehen. Man sah, dass er zitterte.
Die Volksmenge jedoch war unterdessen immer wütender geworden; kaum, dass sie sich noch beherrschen konnte. Ein Funke genügte, um das Benzinfass zur Explosion zu bringen!
(Natürlich sprechen wir auch nicht einfach so und aus Jux von einem Benzinfass. Der Eiferer hatte, um besser zu der Menge sprechen zu können, die nächstbeste Erhabenheit erstiegen, und dabei handelte es sich nun mal um ein Benzinfass. Wie dieses auf die Seiten des Blogozentrikers kam — wir wissen es nicht, ehrlich gesagt.)
Zusätzlich war die Situation verschärft worden durch den merkwürdig krummen Preis, den der Eiferer genannt hatte. Wir sind ziemlich sicher, dass die Summe von 44,00 Euro keinen vergleichbar erregenden Masseneffekt gehabt hätte!
“Natürlich”, so der Eiferer, der entweder nicht merkte, in welcher Gefahr er schwebte, oder gerade dieses In-Gefahr-Sein über alle Maßen genoss, “natürlich ist Adorno im mündlichen Vortrag verhältnismäßig verständlich, also beinahe verständlich, weit davon entfernt jedenfalls, mit jedem Satz eine Furche durchs Bewusstsein des Rezipienten zu ziehen, wie er’s in seinen Schriften tat, mit der Feder arbeitend wie mit einer Peitsche!”
Ein Blogozentriker-Fan, eine magere, blasse Gestalt, die einen roten Teddy gegen ihren Leib drückte, konnte nun nicht mehr länger an sich halten. Gleich würde er sich vor Wut in die Hose pinkeln, und da ergriff er doch lieber die Flucht nach vorn: “Jetzt haben wir’s aber satt! Hören Sie auf zu sabbern! Wir sind gekommen, unsere Adorno-Schriften kollektiv zu zerreißen, und Sie, Sie malträtieren uns hier mit Ihren Anti-Werbe-Botschaften!”
Jetzt brauchte der Eiferer doch erst mal eine Zigarette, merkte er, und griff in seine rechte Jackentasche.