Sie, sie

Januar 18th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Den ganzen Sommer über schon diese Unruhe! Anna K. konnte es sich nicht erklären, aber sie war bis auf die Knochen enerviert. Sie konnte einfach nicht mehr, in ihrem bunten, leichten Kleid. Es war, als risse sie etwas hin.
Mit schnellen, weiten Schritten lief sie den Bahnsteig auf und ab. Ihre Handtasche klatschte gegen ihre Oberschenkel. Sie hatte Durst, aber trinken wollte sie auch nichts.
Sie war sich selbst zur Last.
Was ihr unbegreiflich blieb, war das Wohin ihrer Hingerissenheit. War es am Ende gar keine Hingerissenheit, fragte sie sich, sondern nur ein Riss, in ihrer Seele nämlich? War sie ganz einfach mit ihrer Geduld am Ende?

Wo blieb der Regionalzug? Die Sonne brannte ihren Schatten auf die Steine des Bahnsteigs. Als sie weiterschritt, wunderte sie sich, dass ihr Schatten ihr folgte. Sie hätte ihre Schwester besuchen können, dachte sie, oben im Norden, mit Blick aufs Meer, doch das wollte sie auch nicht. Obwohl sie hier nicht mehr sein konnte, wollte sie doch auch woanders nicht sein.
Paradox!
Sie merkte, dass ihre Lippen zitterten, und machte rasch kehrt, entfernte sich wieder von dem flachen Bahnhofsgebäude, schritt, weit und schnell, hinaus zum Ende des Bahnsteigs. Dorthin, wo das Land begann, die so sattsam bekannte Einöde, dieses grün schweigende Nirgendwo, das ihr die letzte Kraft geraubt zu haben schien.

Sie hatte sich dem Leben stellen wollen, das war immer ihr Traum gewesen. Realisiert hatte sie ihn allerdings nie. Sie war in ihrer Kapsel geblieben, im Schneckenhaus ihrer Ehe, wenn Sie diesen abgegriffenen Vergleich in all seiner Abgegriffenheit gestatten! Ihr Mann hatte sich wohl auch dem Leben nicht gestellt, er war in einem Büro angestellt gewesen, für einen schrecklich langweiligen Job hatte er ein durchschnittliches Gehalt bezogen. Berechnungen. Das war Schicksal, ebenso wie sein Schlaganfall mit gerade mal 42 Jahren, ein kurzes, lustloses Dämmern, dann der Tod.
Jetzt war sie Witwe, eine ausgesprochen knackige, noch glutvolle, gut erhaltene Witwe. Eine begehrenswerte Frau von Ende 30, mit dunkler Haut und dunklen, großen Augen.

Aber was hatte sie davon? Wieder eine Bindung eingehen? Wieder so eine Enttäuschung erleben? Es gab Kandidaten, doch die sprachen sie nicht an, reizten sie nicht.

Die Ehe war kinderlos geblieben, und das hatte, wie sie spürte, tiefere Gründe. In ihr war einfach nichts, das fortleben, das sich fortzeugen wollte. Ihre tiefste Natur, um es einmal so zu sagen, legte es nicht auf eine Fortsetzung an. Das mochte eine Schopenhauer’sche Schwärmerei in ihr sein, dieser antivitalistische Affekt, der Nachhall einer Jugendlektüre, aber er hatte doch große Realität für sie. Für sie war er wahr.
Ihr Traum, er hatte sich für sie dargestellt in Begriffen wie “Kunst”, “Aufbruch”, durchaus auch mal “Wirklichkeit”. Hinauszutreten aus diesem In-sich-Sein, die Zähne zusammenzubeißen und durch die Wand aus Papier zu treten, die sie von dem Schönen oder dem Schrecklichen (je nachdem; es spielte jedoch keine Rolle) trennte.

Der Zug fuhr ein, endlich, aus der grünen Nichtigkeit herausschnaufend, und sie dachte, es sei doch nur eine Projektion auf einer Leinwand, dieser Zug, und sie müsse durch diese Leinwand nur hindurchschreiten, und dann würde sie schon sehen!

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