1, 200.000, 6,5 Mrd.
Januar 19th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Ganz klar, denkt der Blogozentriker, aufgekratzt und wütend, nachdem er die “Tagesschau” gesehen hat. Da muss man was schreiben. Dieses Bedürfnis nach Solidarität, dazu die Katastrophengeilheit der Medien. Schon der pseudoaufklärerische Satz: “Welche Bilder dürfen wir zeigen?” Und dabei zeigen sie Bilder von Toten, die auf der Straße liegen, während andere Leute vorbeilaufen, ohne den Leichen Beachtung zu schenken. 200.000 Tote. Das ist Krieg. Das ist Hiroshima, das ist Dresden. Nur führt in diesem Fall die Natur gegen uns, die Menschen, Krieg. Oder, da die Natur ja eher eine heilende, ganzheitliche Kraft ist nach dem New-Age-Bewusstsein, es ist der Kosmos, der uns bekriegt. Der Zufall. Das blinde Fatum.
Wie wir homines sapientes überfordert sind von dem Informationskreuzfeuer der Medien! Wer uns von außen betrachtet bei diesen kühlen Ritualen, müsste zusammenzucken! Was geht in Reinhold Beckmann vor, der eine Katastrophen-Gala moderiert wie eine Verleihung der ARD-Sportlermedaille? (Oder sind das schon die Golden Globes?) Was geht in Anne Will vor, die ihre Plauderstunde in eine Gedenkminute mit Spenden-Hotline verwandeln darf? Ein Zyniker kann das gar nicht nachvollziehen. Entweder sind diese Leute so abgrundtief verdorben, dass man dem nicht nachgehen WILL, oder sie sind dermaßen verblödet in ihrer tierhaften Gutmenschenartigkeit, dass man dem ebenfalls nicht nachgehen will. Vermutlich, und das ist wohl das Schlimmste, machen sie nur ihren Job. Sind sie eben Profis. Profis des Entsetzens. Sie haben so und so viele Jahre Berufserfahrung. Medien sind nun mal immer dann am heißesten, wenn die Zuschauer sich daheim die Hände reiben. “Ist das nicht furchtbar? Alle tot.”
Bald werden sich die Psycho-Diagnostiker zu Wort melden und feststellen, dass in unserer Gesellschaft ein tiefes Bedürfnis herrscht nach Solidarität. Wenn man schon mit sich selbst nicht mitfühlen darf, dann doch wenigstens mit den armen Haitianern! Genau so, werden die Psycho-Profis sagen, war’s ja auch schon im Falle des Robert Enke. Kein Mensch kannte Robert Enke, bevor er sich vor den Zug warf. Dann tat eine ganze Republik so, als wäre sie mit ihm verwandt gewesen. Ein italienischer Wirt sagte damals zu mir, das sei doch eine Sauerei, das mit Robert Enke. Der habe alles gehabt, Erfolg, Geld, einen Namen, und dann geht er hin und versaut einem armen Zugführer das Leben, indem er sich dem unter die Räder wirft. Und da ist ja auch was dran. Vielleicht hätte man eine Schweigeminute auch für diesen armen Zugführer einlegen sollen. Wir denken immer nur an die Täter in dieser Gesellschaft, und die Opfer, die sind uns scheißegal.
Wo liegt das Problem? Ich sage: In der großen Zahl! Früher hieß es oft: “DER Mensch”. Das kann man heute gar nicht mehr sagen. Auf MTV laufen Spots gegen den Klimawandel. (Um nicht gleich zu verraten, dass es sich auch hier längst um eine Katastrophe handelt.) Man sieht das Opernhaus von Sydney, von Staubstürmen verhüllt, man sieht Bombay, und die Stadt wartet vergeblich auf Niederschläge. Dann heißt es: “6,5 Milliarden Menschen” seien vom Klimawandel betroffen. Und weil natürlich der Glotzer daheim denkt: “Schön, aber was geht mich das an? 6,5 Milliarden, das sind ja wohl genug?”, schiebt der clevere Schock-and-awe-Werbeprofi nach: “1 davon bist du.”
Ehrlich gesagt, lässt mich das kalt. Wenn ich 3 Milliarden davon wäre, okay. Dann müsste ich umdenken. Dann würde ich vielleicht den Müll trennen, dann trennte ich mich vielleicht auch wenigstens vom Drittwagen. Aber 1 von 6,5 Milliarden? Das zählt doch nun wirklich nicht! 6,5 Milliarden Menschen, denen könnte ich ja nicht mal allen die Hand schütteln in meiner Lebenszeit. Kein Mensch könnte das, außer vielleicht Bill Clinton.