Schere, Leim, Papier
Januar 19th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Das eigentliche Problem, belehrte mich Nick Fuhl bei einigen Karaffen vino della casa, bestünde darin, dass die meisten Autoren die Frage der MATERIALITÄT DER SCHRIFT einfach nicht begriffen. Ob mir klar sei, was er meine? Der Rahmen, der sei das Entscheidende. Wo ziehe ich den Rahmen mit meinem Edding? In der Fülle der Entscheidungen, wo treffe ich meine Auswahl? Was picke ich heraus, was lasse ich verfallen auf dem Müllhaufen meiner persönlichen Geschichte? Die dicken schwarzen Linien, die der Entropie wehren, wo verlaufen die? In unserem Hyperlink-Universum? Wo alles sich ganz von allein schon mit allem vernetzt?
Diese Fragen stellte mir Nick Fuhl. Wie seinerzeit der wahnsinnige Jack Kerouac (der allerdings, wenn auch wahnsinnig, wenigstens doch ein Genie gewesen sei) schrieben die Autoren heute immer noch auf einer Toilettenpapierrolle, die sie in ihre Schreibmaschine gespannt hätten, auf Endlospapier also. Ganz so, als befänden sie sich in einem idealen Reich der Sprache, im ewigen Archiv, wo man allen Speicherplatz der Welt hat, Papier in endloser Menge, wo es keinen Mangel gibt, wie auch das Meer der Wörter in alle Himmelsrichtungen ohne Angst vor Absturz befahren werden könne.
Was diesen Leuten aber entgeht, sagte Nick Fuhl, sich vorbeugend. Er sah mich dabei mit ernstem Schielen an. Dass sowohl die Wörter heutzutage begrenzt werden müssten, wie auch der Raum, auf dem sie untergebracht werden. Er sagte, dass mithin alles nur noch Typographie sei. Und dieser Tatsache habe eben der Freund von Jack Kerouac, William S. Burroughs, Rechnung getragen mit seiner Cut-up-Methode. Weil er begriffen habe, dass es darauf ankommt, die MATERIALITÄT DER SCHRIFT zu reflektieren.
Jeder drittklassige Werber habe das heute drauf, mit verschiedenen Schrifttypen, mit Farben, den wildesten Größen. Und Burroughs habe das eben kapiert, meinte Fuhl, weil er Junkie war, während Kerouac nur gesoffen habe. Der Suff, der halte einen eben in den eigenen Grenzen, der treibe einen nicht auf Neuland. Der Suff sei eigentlich eine konservative Lebensform, ein Schlucken, wie man das Saufen ja auch sehr zu Recht nenne. Wer schluckt, schreit nicht, sagte Nick Fuhl. Wohingegen der Junkie, wenn er in seinen Traum- und Halluzinationen-Kosmos abtauche, unbekanntes Terrain sondiere. Und von daher natürlich prädestiniert sei, Dinge zu erkennen lange vor den normalen, feigen, waschlappigen Bürgern, die sich von all den Wunderbarkeiten, die so ein Junkie im Rausch erspähe, irgendwann in ihrem Alltag überraschen lassen müssten. Ohne natürlich im mindesten überrascht zu sein.
Ich solle mir doch mal vorstellen, sagte Nick Fuhl. Ich solle mir doch mal vorstellen, wie sich Henry James wohl fühlen müsse, wenn er heute durch eine unserer Großstädte getrieben würde. Ob das für den ein Vergnügen wäre? Aber Hölle, rief Nick Fuhl, nein! Natürlich nicht! Wenn T. S. Eliot im London seiner Zeit einen Ort erblickt habe, der mit Dantes Inferno auf einer Wellenlänge lag, was müsste dann ein Dichter, der noch eine Generation älter war, von dem halten, was sich über uns stülpt von früh bis spät?
Das sei doch alles nur Krach, schrie Nick, das sei doch alles Wahnsinn! Wir alle, wir seien doch längst Irre! Diese Handys, plötzlich schmetterte er mit knapper Geste sein Mobiltelefon auf den Fliesenboden der Trattoria, diese verfickten Handys, was seien sie anderes als elektronische Fußfesseln? Als Zwangsjacken einer Überwachungsgesellschaft? Foucault, dieser französische Fucker, habe ja ganz recht gehabt! Wir SEIEN heutzutage unsere eigenen Wärter! Benthams Panoptikum, ganz klar, was sonst?
Wenn irgend so ein Vollidiot andauernd Fotos verschickt, auf denen zu sehen ist, wo er sich jeweils befindet. Der versendet, Nick Fuhl rutschte unter den Tisch, ja keine Fotos von sich selbst, im Gegenteil! Nicks Stimme wurde durch den Tisch zwischen uns gedämpft. Er ist ja der Wärter, der Fotos von diesem armen Irren verschickt, von dem die Empfänger dieser irren, schwachsinnigen Bilder glauben, er sei ihr Freund. So sehe es doch aus. Wir seien doch alle längst zu Wärtern geworden im Zoo der Elementarteilchen. Und ob er jetzt bitte meinen Schwanz lutschen dürfe? hörte ich Nick unter dem Tischtuch wimmern.