Pädagogisch

Januar 29th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

“Na. Wo willst du denn hin? Komm her, Junge!”
Ich erinnere mich, dass ich vor Angst zitterte, als Onkel Bob plötzlich in meinem Zimmer erschien. Ohne lange zu überlegen, hatte ich versucht, mich unter das Bett zu flüchten, aber er hatte meinen Fuß gepackt und zog mich an diesem nun aus meiner Deckung hervor.
“Was ist denn, du kleiner Hosenscheißer? Hab ich dich erwischt, wie du an dir selbst herumgespielt hast? Hahaha.”
Ich zitterte, bibberte und heulte. Onkel Bob bemerkte, dass es mir ernst war mit meiner Angst, und nahm mich schützend in den Arm. Er wirkte verwirrt.
“Nun hör mal. Du musst doch nun wirklich keine Angst vor deinem alten Onkel Bob haben, hm?” Er drückte mich an sich, und ich tauchte ein in die Wolke von Rasierwasserduft, die um ihn schwamm. “Ist doch alles okay”, murmelte er begütigend. “Kein Grund zur Aufregung. Das bleibt unser kleines Geheimnis”, und mit einem Ratsch zog er meinen Hosenstall zu, “was du hier in deinen Mußestunden treibst.”
Überdies habe er das früher auch sehr gern getan — aber mit den Jahren …
Er habe angeklopft, erklärte Onkel Bob später, nachdem er uns beiden einen Drink gemixt hatte, aber ich hätte nicht geantwortet, und so sei er endlich eingetreten.

Tatsächlich hatte ich von dem Klopfen nichts mitbekommen. Nicht nur, dass ich voll und ganz in Anspruch genommen war von Bildern von Susi, die in meinem Kopf in verwirrender Fülle entstanden (Susi war eine etwas frühreife Klassenkameradin). Ich hatte überdies die iPod-Hörer im Ohr gehabt.

“Du musst ein bisschen aufpassen mit dem Wichsen”, sagte Onkel Bob. “Es ist eine tolle Sache, keine Frage. Aber die Risiken sind beträchtlich.”
Meine Lippen zitterten, und ich erbleichte.
“Es stimmt also”, fragte ich tonlos, “und man wird davon wahnsinnig?”
Onkel Bob wiegte seinen Kopf, den Blick ins Unbestimmte gerichtet.
“Nun ja, es stimmt, ja”, sagte er endlich, “wenn auch nicht ganz so, wie es gemeinhin verstanden wird. Zweifelsohne ist der Einfluss der Masturbation …”
“Der was?”
“Des Wichsens. So sagt man als Erwachsener. Masturbation. Das leitet sich von den lateinischen Wörtern ‘manus’, Hand, und ‘turbare’, durcheinander bringen, verwirren, ab.”
“Verstehe.”
“Oder wenn man in Verlagen publiziert, die mit sehr schamhaften Lektorinnen bewehrt sind. Dann spricht man auch viel von ‘Masturbation’.”
“Okay.”
“Also, Masturbation hat definitiv einen schädlichen, gefährlichen Einfluss. Nur löst sich natürlich das Hirn nicht auf. Schön wär’s! Aber so ist es nicht. Nur steigt mit jedem sich allein abgerungenen Samenerguss das Risiko, dass du später Schriftsteller wirst. Und das ist übel.”
“Warum ist das denn übel?”, fragte ich kindlich-naiv.
“Weil Schriftsteller”, sagte Onkel Bob traurig, “einsame, unterbezahlte, von der Gesellschaft unter dem Mantel großer Hochachtung mit tiefer Verachtung gestrafte Subjekte sind.”
“Ei, je.”
“Ja.”
“Also Leute, die echt die Arschkarte gezogen haben?”
Weil Onkel Bob darauf nicht antwortete, sondern nur das Gesicht abwandte, sagte ich tapfer: “Dann werd ich vielleicht mal weniger …”
Ich dachte an Susi, und ich musste schlucken. Meine Güte. Susi!
Jetzt war auch ich down. Eine ganze Weile waren wir beide, mein Onkel und ich, schwer down. Dann eröffnete sich in meiner geistigen Perspektive so eine Art Ausweg.
“Was ist denn”, fragte ich vorsichtig, “mit Sex? Hat der auch so verderbliche Folgen?”
“Oh, nein”, rief Onkel Bob, stand auf und hüpfte auf und ab. Er klatschte in die Hände. “Sex ist im Gegenteil ein Mittel, um Karriere zu machen, es zu einer hohen sozialen Stellung zu bringen, sich mit vielen Leuten gut zu stellen. Sex ist prima. Gegen Sex ist nichts einzuwenden.”
“Leider braucht man dazu aber eine Frau, oder?”
Onkel Bob kratzte sich den Kopf.
“In der Regel schon, glaub ich.”
“Und Schriftsteller dürfen keinen Sex haben?”
“Mit Dürfen, mein kleiner Freund, hat das nichts zu tun …”
Onkel Bob ließ die Schultern hängen und nahm wieder neben mir auf der Bettkante Platz.
Ich könnte Susi bumsen, dachte ich. Dann wäre doch alles in Ordnung?
“Ich werd mal wieder runter müssen”, sagte Onkel Bob. “Ich glaube, die werden mich schon vermissen. Ich wollte ja eigentlich nur mal aufs Klo.”
Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen: “Aber, sag mal … du wolltest doch nicht etwa …”
“Ja”, Onkel Bob lachte, “was denn sonst?”

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