Unvermeidlich.

Januar 29th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Dieses Wort ploppte in Georgs Kopf auf wie ein Pop-up-Fenster auf einem Browser, als er Bob im Krankenhausbett liegen sah. Der Wahnsinn hatte sich so tief in das Gehirn seines Kollegen gefressen, dass dieser jede Möglichkeit, sich aus den Fängen der finsteren Krake zu befreien und noch einmal hinaufzupaddeln an die Oberfläche, verschluckt hatte. Mit anderen Worten: Bob war irre. Schon von frühester Jugend an war er irre gewesen. So ist es ja nicht! Nicht, dass wir uns missverstehen! Aber er hatte in sich doch immer die Kraft gefunden, sich am eigenen Schopf aus dem glucksenden Sumpf zu ziehen.

Damit war es jetzt vorbei. Traurig ruhte der Pappbecher in Georgs Hand. Bob hatte über die Fähigkeit zum luziden Wahnsinn verfügt, wie ja auch die Technik des “luziden Träumens” erlernbar ist. Man kann damit ins eigene Traumgeschehen, in die Mechanik der Träume, die das eigene Gehirn produziert, eingreifen. In der Regel wird die Methode des “luziden Träumens” angewandt, um Leuten zu helfen, sich von wieder und wieder durchgespielten Schrecken zu befreien, Traumata zu überwinden, Blockaden zu lösen.

In Bobs Falle hatte er seinem Wahnsinn und all dessen teuflischen Systembildungen immer wieder ein Schnippchen schlagen können durch seine Fähigkeit zum luziden Irresein. Auch wenn es manchmal knapp war und es um Zehntelsekunden ging — stets war er den Attacken des Wahnsinns entkommen.

Doch diesmal hatte es ihn erwischt.

Die Krankenschwester trat von der Seite an Georg heran.
- Sie müssen jetzt gehen, sagte sie sanft.
- Ja.
- Leider. Die Besuchszeit ist um.
- Ich verstehe. Natürlich.
- Sie können gerne morgen wiederkommen.
Georg schloss schnell die Tür des Krankenzimmers und sah die Schwester an.
- Nimmt er mich wahr?
- Das weiß Gott allein.
Georg nickte.
- Okay.

Georg ging den langen Krankenhausflur hinab. Er bekam das Bild von Bobs in schrecklichem Krampf verdrehten Zehen nicht aus dem Kopf! Die Hände waren zum Glück unter dem Laken verborgen gewesen. Nicht auszudenken, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht hätten! Dann aber sah er wieder die Augen vor sich. Wie Bobs Augen an die Decke starrten. Nie hätte Georg geglaubt, dass Augen um Hilfe zu schreien vermögen.

Eine starre, in Starrkrampf gebannte, von Leid nahezu zerrissene Kreatur, das war sein alter Kumpel Bob jetzt.

Georg dachte an die Laokoon-Gruppe, als die Eingangstür des Klinikums vor ihm aufglitt mit pneumatischer Dienstfertigkeit.

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