Silberne Kugeln

Januar 30th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Von einem Werwolf attackiert zu werden, stellt an sich schon einen unerfreulichen Sachverhalt dar, denn das plötzliche Auftauchen eines solchen mythischen Biests in Verbindung mit der es begleitenden wilden Aggression läuft auf einen Schockmoment hinaus, dessen Wirkung auf den Großstadtmenschen des 21. Jahrhunderts man keinesfalls unterschätzen sollte.

Gar nicht angenehm sind allerdings auch die weiteren Begleiterscheinungen eines solchen Zwischenfalls, die jedoch in unschöner Regelmäßigkeit übersehen bzw. heruntergespielt werden.

Vor allem denke ich hier natürlich an die unheilvolle Verstrickung von Verletzung durch die Fangzähne eines Werwolfs und die sich daraus ergebende Verfallenheit an die Verhaltens- und Jagdgewohnheiten des Untiers. So ist bekannt, dass der Werwolf bei Vollmond wie ein Verrückter heult und auch schon mal einem Menschen den Kopf abbeißt. Verschärfend kommt hinzu, dass jene tödlichen Bisse in die Mitmenschen noch zu den harmloseren Vorfällen gehören. Sehr viel bedenklicher erscheint uns die Fähigkeit des Werwolfs, sein krankhaftes So-Sein nach Belieben zu multiplizieren, Nachwuchs oder Klone zu erzeugen — und das ganz einfach per Biss!

Denn beißt der Werwolf zu, überträgt er dabei das verderbliche Virus lykanthropischer Metamorphose auf den Gebissenen. Dieser mag den Angriff überlebt haben — seinem Schicksal entgeht er nicht! Bei Vollmond wird der Infizierte von nun an durch einen Prozess der physischen, vor allem jedoch auch seelischen Veränderung gehen, von dem man nur so viel sagen kann: Freuen tun sich darauf ganz gewiss nur die Wenigsten!

Mir selbst nun widerfuhr gestern Abend ein Ereignis der oben bloß sehr schamhaft, gleichsam in groben Umrissen skizzierten Art. Ich befand mich auf dem Heimweg von einem ausufernden Trinkgelage, als ich im Gebüsch vor mir, dessen Schatten ich mir soeben zunutze machte, um mein Wasser abzuschlagen, ein unwilliges Brummen hörte. “Brummen” mag, nebenbei, nicht ganz das richtige Wort sein; es war eher ein Knurren, ein Fauchen, ein durch und durch animalischer Laut.

Sagen wir es in aller prosaischen Schlichtheit: Offenbar habe ich einem Werwolf auf den Pelz gepieselt. Ich weiß nicht, ob man auf den abscheulich reizbaren Charakter eines Unholds aus der abergläubischen Volksseele zu verweisen braucht, um zu begründen, dass ein Wesen unwillig darauf reagiert, dass ihm aufs Haupt gepinkelt wird? Wie fänden Sie es, frage ich Sie, wenn ich Ihnen vor den Latz strullerte? Wie dem auch sei, der Unmut war jedenfalls gewaltig, und imposant war das skurrile Vieh, als es sich da vor mir aufrichtete! Die Schnauze glänzte, von Urin und Sabber bedeckt, die Augen funkelten, von Zorn gerötet, die Krallen vibrierten in vorfreudiger Erregung. “Menschenfleisch” — mir war, als hörte ich dieses Wort aus der stämmigen Kehle des Monsters hervordringen.

Der Rest ist schnell erzählt. Das Tier biss zu, und wie es ganz richtig in “Brehms Tierleben” steht, erwählte es sich dafür den im Augenblick der Konfrontation prominentesten Körperteil seines Opfers. Ich hielt ihn noch zwischen stockstarren Fingern. Allerdings eben nicht allzu lange.

Heute ist der einzige Trost, den ich finde, die Überlegung, ob die Werwolf-Viren eventuell durch die wirklich nicht unbeträchtliche Blutung, die das Gebiss des wütenden Viechs verursachte, aus meinem Blutkreislauf geschwemmt wurden?

Das, muss ich hinzufügen, ist momentan allerdings auch wirklich der EINZIGE Trost.

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