UA, Premiere 30.01.10, 20 Uhr, Malersaal
Januar 30th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Aufgeregt. Das trifft’s genau, wozu noch mehr Worte machen? Meine Handflächen sind schwitzig in der Jeans. Meine beste Jeans. Der weiße Schal, okay, vielleicht affig. Ich hab ihn halt umgebunden, ich dachte, das wär was. Es war nichts, jetzt seh ich aus wie ein Idiot. Aber, hey! Um mich geht’s hier nicht. Hier geht’s um einen Mann, der behauptet, es fließe Blut, wenn man mit dem Messer in eine Maschine stäche. Okay, das klingt exzentrisch. Aber irgendwie auch gut. Irgendwie überlegt. Surrealistisch doppelbödig. Ich weiß nicht. Mich spricht’s halt an, irgendwie. Und darum hab ich mir die Karten besorgt, für die PREMIERE von NACHRICHTEN AUS DER IDEOLOGISCHEN ANTIKE. Im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses.
Auch der Blogozentriker, könnte ich mir vorstellen, ist hier. Nach meinen Recherchen ist der Blogo nicht nur ein Fan von Kluge, sondern auch Neu-Hamburger. Und da würde es mich doch sehr wundern, sollte er … dass Blogo eventuell an seinem Blog arbeiten muss, hab ich natürlich nicht bedacht. Der Gedanke trifft mich wie eine kalte Dusche. Jetzt warte mal, denke ich, jetzt fang nicht an, hier die Nerven zu verlieren! Bleib cool! Atme ruhig. Atme tief. Zähl einundzwanzig, zähl zweiundzwanzig, zähl …
So langsam komm ich wieder runter.
- Is was?, fragt mich Jana. Halb klingt sie besorgt, halb entnervt. Sie wollte eigentlich mit Freundinnen eislaufen gehen, auf der Außenalster. Aber Kluge, habe ich gesagt, aber der Blogo! Jana! Das können wir uns doch nicht entgehen lassen!
Jana steht dem Blogozentriker ziemlich skeptisch gegenüber. Sie hält ihn für einen lahmarschigen, zweitklassigen Möchtegern-Feuilletonisten. Sie hat sogar mal, unter Pseudonym, einen gehässigen Kommentar verfasst, der genau diese Ansicht zum Ausdruck brachte. Das ist schon eine ganze Zeit her. Ich bin damals voll ausgerastet. Ich hab sie sogar geschlagen — ganz leicht, nur ein Klaps, aber ins Gesicht, darum sah es ziemlich spektakulär aus, weil sie gleich aus der Nase geblutet hat. Und die Lippe war auch aufgeplatzt. Sie wollte gar nicht zur Notaufnahme, aber ich hab gesagt: Nee, nee, komm, das muss jetzt sein!
Der Arzt war natürlich nicht gerade begeistert von mir. Ich hab ihm erzählt, wie es gekommen ist, dass meine Freundin aus Nase und Lippe blutet, und er, so ein junger Schnösel, sah mich angewidert an. Ich dachte, halb so wild, der Blogozentriker muss ganz andere Anwürfe aushalten. Der muss viel schlimmere Szenen über sich ergehen lassen. Wenn etwa dieser bobbowitsch sich anmaßt, jeden seiner Beiträge mit einem schwachsinnigen Kommentar zu verschandeln. Wie sich Blogo dabei fühlen muss! Erniedrigt, besudelt, hilflos! Ich konnte das so gut nachfühlen.
Ich hab mir alle angeschaut, ganz genau, die hier vor dem Malersaal warten. Ich glaub nicht, dass Blogo dabei ist. Offenbar muss er wirklich arbeiten … oder er ist hinter der Bühne! Könnte doch sein, dass der Kluge, dass der ihn angerufen hat und gesagt: Sollen wir nicht mal so ein bisschen quasseln, und ich lasse die Kamera laufen? — Ich meine, der Kluge hat ja nun wirklich schon größere Idioten auf Film festgehalten. Womit ich nicht sagen will, dass der Blogo ein Idiot sei! Mitnichten. Im Gegenteil, sogar. Ich habe ja vor Blogo die allergrößte Hochachtung. Ich meinte das eher so im Sinne einer Redewendung. Wie man sagt: Was bin ich eigentlich für ein Idiot, sag mal!, wenn man merkt, dass man die Karten vergessen hat.
- Du hast was? Jana guckt mich ungläubig an.
- Ja, blöd, sage ich, möglichst undeutlich, weil mir das so unglaublich peinlich ist. Ich finde die Karten nicht …
Ich hatte sie in die Jacke gesteckt, erinnere ich mich — aber leider in eine andere Jacke!
- Oh, Fuck!, stöhnt Jana.
- Tut mir echt leid, Schatz.
Alexander Kluge geht in diesem Augenblick vorbei. Er wird von einem Typen mit dunklen Haaren und dunkler Brille begleitet … der Typ lacht hell auf … das ist doch, denke ich, das ist doch, das darf doch jetzt bitteschön nicht …
- Blogo!, brülle ich.
Der Blogozentriker dreht sich um. Er erkennt mich. Wir waren uns ja schon mal begegnet, auf der Straße. Damals hatte er die Beine untern Arm genommen. Jetzt sagt er nur:
- Sie haben doch wohl keine Karte?
- Ich habe eine, rufe ich, aber leider hab ich die zu Hause vergessen …
- Pech gehabt!, höhnt Alexander Kluge, und die Schließerin waltet ihres Amtes und schließt die Tür. Alexander Kluge filmt noch, wie ich auf die Knie sinke und Jana meinen Ellbogen gegen die Hüfte ramme, weil sie mich zu trösten versucht.