990. Beitrag
Januar 31st, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Ihn wiederzusehen, nach all diesen Jahren … mein Herz klopfte. Im Hals.
Ich drückte mich an die Wand, heraus aus dem Fokus der Aufmerksamkeit, um in Ruhe beobachten zu können. Bewegung fuhr in die Masse wie ein elektrischer Schlag, als er hereinkam. Die Leute erhoben sich von ihren Sitzen und applaudierten ihm.
Wie schwergewichtig er aussah! Die Jahre hatten sich in Fettringen an seinem einst dürren Leib abgelagert. Jahre der Weisheit, vielleicht, vor allem aber Jahre der Feste, der Gelage, des Trinkens. Das sah man ihm an. Sein Kopf war eindrucksvoll wie eh und je, ein riesiges Ding, nur heute mit weniger Haaren bekränzt. Was war das früher für eine eindrucksvolle Mähne! Heute wippten auf dem Schädel des Blogozentrikers nur noch dünne Büschel. Auch die Finger waren fett, und goldene Ringe blitzten durch den Saal zu mir herüber.
Als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er mit Alexander Kluge im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses verschwunden. Er hatte mich höhnisch angegrinst, und am nächsten Tag hatte Jana mich verlassen, weil sie die Nase voll davon hatte, “von den psychopathischen Launen eines Losers abhängig” zu sein. (Ich zitiere sie aus einer E-Mail.)
Von da an ging alles ganz schnell. Es war, als rutschte mein Leben in einer Lawine unter mir weg. Mein Chef rief sich zu sich, das war nur ein paar Wochen später, und sagte, so ginge es nicht weiter. Meine Beiträge seien qualitativ unterirdisch, voller Rechtschreibfehler und falscher Bezüge, und mies recherchieren täte ich auch. Und ich stinke, die Kollegen hätten sich alle schon beschwert, sogar die netten.
Dann sagte er, ich solle doch bitte wenigstens Würde bewahren und aufstehen.
Es gebe nichts, was er noch für mich tun könne.
Der Blogozentriker wuchtete seine Massen aufs Podium, arrangierte seine Zettel und lächelte in die Runde. Ich zog mich hinter eine Säule zurück. Vermutlich hätte er mich in dieser Menschenmenge ohnehin nicht entdecken können, zumal ich eine Sonnenbrille trug, aber sicher ist sicher. Ich wollte kein Risiko eingehen.
Keine Ahnung, wie meine Vermieterin damals von meiner Entlassung Wind bekam, aber am nächsten Wochenende stand sie mit einem Räumkommando vor der Tür. Alles Leute, die kein Deutsch sprachen und nie Deutsch sprechen würden. Sie warfen meine Sachen einfach auf die Straße, vom Balkon, durchs Fenster, im tiefsten Winter. Mich warfen sie die Treppe hinab. Das wäre auch im Sommer keine besonders angenehme Erfahrung gewesen.
Ich rief Jana an, ob ich bei ihr wohnen könne, wenigstens für eine Nacht, bitte, dann könnte ich morgen ja zu meinen Eltern nach Esslingen fahren … Aber sie sagte mit eisiger Stimme, Sorry, das gehe nicht, ihr neuer Freund sei da. Sie müsse jetzt auch, lachte sie, Schluss machen, denn sie habe einigen Nachholbedarf in Sachen Sex!
Das war dann auch das letzte Telefonat, das ich für lange Zeit führen konnte, denn mein Anbieter war ebenfalls von meiner Kündigung informiert worden und teilte mir per SMS mit, dass seine Dienste für mich im Augenblick aufgrund einer “Umstrukturierung” nicht zur Verfügung stünden. Man wolle mich als Kunden aber für die Zukunft auf jeden Fall gerne behalten … ich schmetterte das Mobiltelefon an die Wand und trampelte eine ganze Weile darauf herum, bis mich ein Polizist packte und fragte, was ich da triebe?
Ich weiß schon. Auch des Blogos Leben war eine Angelegenheit von Angst und Tränen gewesen, ein Ringen um den einen oder anderen richtigen Ausdruck. Er hatte es sich nicht leicht gemacht, genau wie ich. Er hätte sich ja auch auf sein zauberhaftes Lächeln verlassen können (vermutlich dachte er inzwischen oft, genau das hätte er tun sollen) und einen Platz im Management ergattern. Er hätte um die Welt jetten und vom Regenwald, von Synergien und Mentalitätswandel quatschen können. Statt dessen hatte er versucht, etwas in die Welt zu setzen, für etwas Präzises Platz zu schaffen im heillosen Durcheinander, etwas hineinzuwuchten ins unerbittlich enge Gewühl der Dinge und Sätze.
Der Polizist war nicht einverstanden mit meiner Erklärung zu seiner Frage, was ich da triebe, er sagte, das sei ja wohl Beamtenbeleidigung. Ich musste die Trümmer meines Handys aus dem Schnee kratzen, mit blutigen Fingernägeln, und dann landete ich in einer Ausnüchterungszelle. Vorher erbrach ich mich noch auf die Rückbank des Streifenwagens.
Der andere Polizist war ganz nett, er sagte, wenn ich mich kooperativ verhielte, dann würden sie mir nichts tun.
Ich verhielt mich still.
Am nächsten Morgen warf man mich wieder mal vor die Tür.
Ich spürte noch einmal die Liebe, die ich einst für ihn empfunden hatte. Es war seltsam, die Diskrepanz zwischen seinem heutigen und seinem damaligen Ich vor Augen zu haben; äußerlich gab es kaum mehr eine Ähnlichkeit, aber in der Tiefe seines Herzens, unter all diesen überflüssigen Pfunden, das spürte ich, war er immer noch genau derselbe.
Er bediente die kleinlichen feigen Wünsche des Provinzpublikums mit seiner höflichen, wohlwollenden Rede, aber sein Sinn stand währenddessen nach ganz etwas anderem. Ich, ich konnte das genau erkennen. Er sehnte sich nach TIEFE, auch wenn ich mir im Klaren darüber bin, dass dieses Wort heute nicht mehr allzu viel bedeutet, wo man in Lichtgeschwindigkeit witzige kleine Urlaubsfilmchen um den Globus schicken kann; was soll man da mit TIEFE, bitteschön?
Seitlich schlich ich mich vor zum Podium. Immer an der Wand entlang. Der Blogozentriker pries soeben die Segnungen der Demokratie, machte sich für eine faire, gerechte Regierung stark. Er hob die Hände und deklamierte. Übelkeit stieg in mir auf. So hatte es angefangen, dachte ich, vor 990 Einträgen, und so sollte es enden. Hier.
Der Blogozentriker hatte immer schon gern geredet. Er liebte das Bad in der Menge. Das Volk fraß ihm seine leeren Phrasen aus den Händen.
Fest umklammerte ich den schweißnassen Griff der Beretta. Ich musste nahe genug an ihn herankommen, um ihn zu erledigen. Ich hatte 10 Schuss, das musste eigentlich genügen, wie ich dachte. Zugleich aber war ich ein ungeübter Schütze, ich war nervös, jemand konnte sich schon nach zwei, drei Schüssen auf mich werfen und mich an weiteren Versuchen hindern. All das musste ich ins Kalkül ziehen. Darum musste im Grunde schon die erste Kugel sitzen. Dann wollte ich mich auf ihn stürzen und aus nächster Nähe so viele Schüsse abgeben wie möglich.
Der Plan war gut. Aber ihn auszuführen, erforderte stahlharte Nerven. Und meine waren im Augenblick aus Schaumstoff. Ich atmete tief durch.