Die leichte Unerträglichkeit des Seins
Januar 31st, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Die Frage ist ja: Okay, man macht Alexander Kluge. Man hat einen Abend zu gestalten, und die meisten Autoren sind ausgelutscht, sind längst durchgenudelt, über die Bühne gejagt. Kleist, Schiller, Ibsen. Was bleibt, ist der Abend, und da wollen wieder Zuschauer unterhalten werden. Oder man brät ihnen eins über, mit der didaktischen Bratpfanne. Und da sagt man sich dann: “Du, Büchner, ein toller Autor, aber leider ist er so jung gestorben! Wir sind mit seinem Gesamtwerk jetzt durch, nach der WOYZECK/MASCHINE.”
Und der Dramaturg guckt erst ungläubig, dann sagt er: “Na, aber was ist mit dem HESSISCHEN LANDBOTEN? Könnten wir nicht den …”
“HESSISCHER LANDBOTE”, sagt der Regisseur, “das meinst du doch wohl hoffentlich nicht im Ernst?”
“Tommy Schnell”, meint der Dramaturg und lächelt siegessicher, “der macht uns daraus ruckzuck einen schönen Abend. Da tun wir noch Rilke rein und Robert Musil …”
“Jetzt leck mich doch”, sagt der Regisseur nur.
“Friede den Hütten”, brüllt der Dramaturg, aber der Regisseur dreht sich brüsk ab, für ihn ist das Gespräch spätestens an dieser Stelle beendet.
Also Alexander Kluge. Der hat ja mit dem 3-DVD-Schuber NACHRICHTEN AUS DER IDEOLOGISCHEN ANTIKE so etwas wie einen filmischen Essay vorgelegt über Sergej Eisensteins Projekt einer Verfilmung des KAPITALS. (Das dickleibige Buch von Karl Marx, genau.)
“Könnten wir nicht da, also, was draus machen?”
Der Dramaturg versucht’s noch einmal, ein weiterer Anlauf, was Spannendes zu machen, und der Regisseur hat sich wirklich mit ihm getroffen, unten in der Kantine des Schauspielhauses, denn wer weiß, was sie ihm sonst wieder für eine Pfeife auf den Hals hetzen. Dieser Dramaturg mag ja ein Idiot sein, aber für einen Dramaturgen ist er sogar ganz normal.
“Von Kluge kenn ich nur die SCHLACHTBESCHREIBUNG”, sagt der Regisseur und trinkt den Schaum von seinem Bier.
Beim fünften Bier erklärt er sich einverstanden. Nur Tommy Schnell, bitte, den nicht. Bitte.
Im Hintergrund zieht Adalbert-Louis von Kraßkow mit seiner dänischen Dogge vorbei und winkt fröhlich herüber.
Der Regisseur unterdrückt einen Schrei.
Weil es das jetzt auch als Taschenbuch gibt, holt sich der Regisseur DIE LÜCKE, DIE DER TEUFEL LÄSST. Kurzgeschichten von Alexander Kluge. Er weiß dann nicht so recht, was er dazu sagen soll. Als dramatische Literatur erscheint es ihm, trotz der Überfülle an Dialogen, eigentlich eher nicht so 100-prozentig geeignet … aber er muss nach Zürich, er muss nach Basel, danach ruft Berlin, die Bahn lässt ihn nicht los, Verpflichtungen, Aufträge, Konzepte, und ein Bühnenbild will noch einmal von Grund auf neu überdacht werden (also von “denken”, überdenken, nicht von “decken”, das Dach).
Alexander Kluge ist ja schon als Prosaautor nicht unumstritten, wegen der von ihm gepflegten Vernachlässigung des Stils. Schreibt so ein Schriftsteller, wie Kluge schreibt? Kluge schreibt mit Bleistift Cahier um Cahier voll, und anschließend wird die ganze Sache in den Computer diktiert. Die Sprache, die Kluge entwickelt hat, hat etwas ganz Eigenes, etwas Verknapptes und sich bewusst Zügelndes, bei aller Zügellosigkeit der Phantasie und der Recherche. Kluge nennt diesen Effekt Lakonik, und gelesen funktioniert’s ja auch. Kluge ist immer in den Bauernkriegen, wenn man so will. Man könnte auch an Tacitus denken, dessen syntaktische Konstruktionen für den Spätgeborenen ja auch immer etwas änigmatisch bleiben. Klar ist nur: Die deutsche Übersetzung ist IMMER länger als das Original! In punkto Kürze war Tacitus unschlagbar.
Wenn wir aber mal ehrlich sind, funktioniert der Alexander-Kluge-Stil auch nur als Alexander-Kluge-Stil, als gewissermaßen republikweit einmaliges Ereignis, als stilistische Singularität. Alexander Kluge ist ja im Grunde der Lessing unserer Tage. Konsequent unvollendet kommen seine Texte daher, denn er erwartet eben vom Leser, von der Leserin, dass diese sich an seine “Baustellen-Ästhetik” setzen und die Gebäude fertig stellen. Wenn ein anderer, Geringerer so schriebe, das druckte der Suhrkamp Verlag garantiert nicht!
So weit, so gut. Aber, die Frage ist ja: Okay, man macht Alexander Kluge. Die Bühne will gefüllt sein, und Kluge, denkt sich der Dramaturg, da ist doch eh immer alles mindestens zur Hälfte unverständlich. Da können wir auch auf 20 Prozent spekulieren, und die Leute werden trotzdem klatschen! Wir gehen natürlich, denkt der Dramaturg und beißt in sein Käsebrötchen (mit Gurkenscheibe), in den Malersaal. Klar. Auch eine überschaubare Anzahl von Aufführungen; Grand Guignol hin oder her, der große Zuschauermagnet wird das nicht.
Später, als der Dramaturg sich seinen Mantel anzieht, wickelt sich zusammen mit dem Schal noch ein Zweifel um seinen Hals. Diese Texte in ihrer spröden Sperrigkeit, inspiriert von Höhenkammtheorie, Kanzleideutsch, Kant und revolutionärem Studentenflugblatt, von Schauspielern eines Schauspielhauses deklamieren zu lassen? Ist das eine gute Idee?
Leider sagt die Nachtkritik dazu auch noch nichts. Darum sind wir mal auch lieber still.