Ironie, letzter Teil
Februar 1st, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Gideon Schmucke sah in der Ironie vor allem ein Mittel, sich über seine Nächsten zu erheben. Deren Begriffsstutzigkeit amüsierte ihn in seinem Elfenbeinturm höchstlich. Dass er sie mit seinen gelehrten Alliterationen und den versteckten Referenzen auf Werke der Hochkultur, die heutzutage natürlich keiner mehr kannte, ein ums andere Mal in die Irre zu führen vermochte, belustigte ihn im selben Maße, wie es seine Leser verstörte und verschreckte. Sie bildeten bald eine gläubige, gefügige Herde. In ihm sahen sie ganz einfach den Größten, den Oberpriester im Tempel der Kunst. Die Rezensenten wollten da keine Spielverderber sein.
Völlig anders sah Roman Kurzkowicz die Funktion von Ironie. Im Gespräch mit einem Doktor der Philosophie, der eventuell ein zeitgeistiges Monatsmagazin mit Gleichgesinnten auf den Hauptstadtmarkt werfen wollte, erklärte er seinen Standpunkt. Dass für ihn der Bezugsrahmen ironischen Sprechens eher die Dummheit sei als die Intelligenz.
Aber das, wandte der Doktor der Philosophie ein, sei doch bei Gideon Schmucke ganz genau so? Auch bei diesem beschreibe Ironie ein Verhältnis von Einsicht und Unverstand.
Ja, wohl wahr, nur sei, meinte Kurzkowicz, das Verhältnis ein exakt umgekehrtes. Während Schmucke sich selbst für oberschlau und den Leser für verblödet halte, habe er, Roman Kurzkowicz, immerhin der Verfasser des Romans HOHLKÖRPER, allen Grund, in sich selbst den Begriffsstutzigen zu vermuten. Allein schon, setzte er hinzu, weil dieser Ansatz nicht zwangsläufig in geistige Sterilität münde.
Über die Ironie könne man unendlich viele Ebenen, Blickwinkel, Möglichkeitsfelder in seine Texte integrieren. Ironie sei doch, meinte Kurzkowicz, letztlich ganz banal eine antirealistische Haltung, der Glaube, dass man die Welt ohnehin nicht beschreiben könne, sondern jedes Mal, da man zur Feder greift, eine Maske aufsetze. Und die Vielzahl der Rollen in ihrer Eigengesetzlichkeit stehen zu lassen, das sei eben Ironie.
- Was Sie anstreben, sagte der Interviewer, ist demnach ein allumfassender Zugriff?
- Zugriff auf was?
- Auf die Welt.
- Ja, das ist schon wieder antiironisch, wie Sie das sagen, wandte Kurzkowicz ein. Die Welt. Das ist doch eine reichlich große Größe, scheint mir. Kalkutta, Hindukusch, Chicago, Ecuador. Das ist für mich die Welt. Dazu aber habe ich keinen Bezug. Dazu hat nur das Magazin der “Süddeutschen Zeitung” Bezug. Oder “Neon”. Dieser Bezug wird über ganz andere Kanäle, als sie einem Autor zur Verfügung stehen, geregelt.
- Dann eben Zugriff auf das, was Sie erleben.
- Ich erlebe nicht viel.
- Kommen Sie, machen Sie es mir etwas einfacher.
- Gut, Ironie, das ist eine arg abgegriffene Münze. Wenn Sie von mir eine bündige Definition dieses Wortes wollen, dann kann ich nur sagen: Ironie heißt für mich, dass wir in einer einzigen Welt leben, es jedoch sehr viel mehr, fast unendlich viele Welten gibt. Das ist Ironie für mich. Wenn manche es als quälend empfinden, in sich dieses Bewusstsein für die Vielzahl der alternativen Welten offen zu halten — da kann ich ja nun wirklich nichts für.
- Auch das ist Ironie, sagte der Doktor der Philosophie mit einem hintergründigen Lächeln.
- Nein, das ist Resignation. Das ist Realismus. Ironie wäre, wenn ich sagte: Vielleicht, eines Tages, werde ich das ändern. Wenn mir Flügel gewachsen sind, z. B.
- Aber, fragte der Doktor der Philosophie daraufhin, übertreiben Sie’s mit der Ironie nicht auch ab und an?