Obliteratur

Februar 3rd, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Und darum weicht die herrschende Literatur eben dem tatsächlichen allgemeinen Zustand aus, bleibt freiwillig hinter dem Wirklichen zurück. Sie kuschelt sich ein in Minderheitenproblematiken, wickelt sich blutgetränkte Lappen um den Kopf, anstatt den Kampf aufzunehmen. Eher weiß sie für die Vergangenheit Rat als für die Gegenwart. Eines der Symptome in dieser Richtung sind die aktuellen Theaterschließungen, die als Mode von Wuppertal aus die ganze Republik zu erfassen drohen.

Larmoyant die Notwendigkeit von Kultur zu behaupten, hilft da natürlich gar nichts! Wichtig wäre der Nachweis, dass ohne Kultur tatsächlich etwas Zentrales in den Menschen erstürbe, sicherlich etwas, das den Menschen bewusst gar nicht zugänglich ist. Es ist leicht gesagt, man könne das Geld, das man für Opern verfeuert, besser investieren. Nur: worein? In noch mehr chemische Krebserregung? Traurig genug, dass die Entfernung der Hochkultur vom Tal der Tränen, in dem unser Alltag spielt, schon zu solcher sozialen Kältezunahme geführt hat.

Die Humanität haben die Bühnenschaffenden sich mit Fleiß ausgetrieben, und jetzt zahlen sie die Zeche dafür. Was ihnen selbstverständlich nicht anzulasten ist! Die Humanität auszutreiben, das Allergrundlegendste zu problematisieren, war notwendig als Reflex auf gesellschaftliche Entwicklungen. Die Herzlichkeit nahm bundesweit in den letzten Jahrzehnten ja nicht zu. Solidarität verkam zum Schlagwort. Doch verkannt wurde das Teufelskreisartige dieses mimetischen Vorgangs. Jetzt, wo die Kunst so unverständlich ist wie das Leben wohl immer schon war, sagt man: Noch mehr Wirrniss brauchen wir nicht!

Womöglich aber bräuchten wir noch sehr viel mehr?

Denn möglicherweise ist die Gegenwart inzwischen zu hart für Literatur. Obwohl alles auf den Straßen in Hektik vibriert, regt sich doch nichts mehr. Katatonie. Vielleicht sind wir wirklich beim Slogan angekommen, beim stumpfsinnigen Gebrabbel. Reflexe des Kleinhirns. Die neue Dimension des Fahrens, die Zukunft des Flüssiggranits.

Wie soll man auch literarisch schreiben über eine Gesellschaft, die zum global village explodiert ist? Wo könnte ein moderner Balzac ansetzen? Zu schreiben wäre eine UNMENSCHLICHE KOMÖDIE. Nur noch eine größenwahnsinnige Haltung ubiquitär zugänglicher Banalität wird dieser Breite gerecht, und auf die ist nun einmal die Medienbranche unnachahmlich spezialisiert. Denn so etwas Breites, allzu Breites wäre keine Literatur mehr, das wäre der nackte Ist-Zustand.

Seltsamerweise stirbt die Literatur mit der Nivellierung der Differenzen. Hierzulande geschriebene Literatur wäre in Togo heute verständlicher denn je. Die Verhältnisse gleichen sich an, nehmen die Gestalt einer Cola-Dose an. Genau das aber wird dem literarischen Eifer zum Verhängnis. Literatur heute ist eher die Cola-Dose in Timbuktu, von der ein Journalist schreibt, eine drollige Anekdote der Uniformisierung.

Die Weltliteratur, von der Goethe träumte, hat so die Literatur abgeschafft. Und nur noch die Welt übrig gelassen.

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