Swoosh
Februar 5th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Draußen rutschen kleine Kinder in bunten Jacken, dicke Schulranzen auf dem Rücken, juchzend über das knochenharte Eis. Sie sind auf dem Heimweg von der Schule. Das Blau am Himmel verblasst, das Backsteinrot der Basilika wird fahl. Sogar die Geräusche verlieren an Klarheit und Glanz, in dieser Stunde, bevor die Lampen anspringen.
Während sich das Leuchten aus der Welt zurückzieht, erstrahlt das Licht freitäglicher Freiheit in mir, und mein rechter Fuß gleitet davon, auf dem spiegelglatten Grund. In letzter Sekunde kann ich mich an einem alten Muttchen festhalten.
Wumms.
Zum Glück bin ich oben zu liegen gekommen, denn das Eis, ich sagte es schon, ist wirklich knallhart. Im Vergleich dazu ist der Rausschmeißer im “Pascha” so soft wie Rudi, das Rentier, am Heiligen Abend. Unter mir die alte Dame wimmert. Sie ist dick in Pelz gepackt, aber trotzdem scheint unser Sturz sie irgendwie beschädigt zu haben. Milch läuft aus einer ihrer beiden ledernen Tragetaschen in den Rinnstein.
Mir fällt auf, wie verdreht ihre Füße sind. Ich rappele mich an einem Pylonen aus Eisen hoch und sage, noch ganz atemlos:
- Na, wie gut, dass Sie mich aufgefangen haben! Das hätte übel ausgehen können! Wissen Sie, ich hab mir nämlich die Schneidezähne erst vor ein paar Wochen neu machen lassen …
Wie zum Beweis blecke ich mein Gebiss.
Die alte Lady hat keinen Sinn dafür. Sie ist voll und ganz damit beschäftigt, verkrümmt auf dem Boden zu liegen und Stöhnlaute von sich zu geben. Das kann nicht gesund sein — es sieht zumindest nicht gesund aus –, und also ermahne ich sie:
- Stehen Sie mal lieber auf, meine Beste! Da in der Kälte herumzuliegen, das kann Ihnen ruckzuck eine Nierenbeckenentzündung eintragen! Eine ehemalige Nachbarin von mir hatte das, und sie ist später daran sogar gestorben. Weil sie nachts immer aufs Klo gegangen ist. Sie wissen schon, halbe Treppe. Das war aber in Berlin.
Ich lächele in der Erinnerung an dieses verrückte Huhn. Jeden Morgen warf mich ihr Husten im Treppenhaus aus dem Bett. Unglaublich, das Weib! Die rauchte bestimmt 80 Zigaretten am Tag, und dazu trank sie irgendwelche türkischen Weine. Eine seltsame Ironie der Geschichte, dass sie ausgerechnet an einer Nierenbeckenentzündung verrecken musste!
Sie wollte mich immerzu einladen, um mir in Ruhe ihre Geschichten von der Oper aufzutischen. Sie war Souffleuse gewesen. Ich zog mich aber jedes Mal aus der Affäre, nachdem ich einmal so einen unerträglich langatmigen Abend in Rauch und Weindunst über mich hatte ergehen lassen, mit etwa zwanzig Fotoalben auf den Knien, in jedem schätzungsweise 3.000 Fotos von mir völlig unbekannten, angeblich aber sagenhaft berühmten Tenören und Sopranistinnen.
Und dann noch dieser merkwürdige Pudel, der wie ausgestopft wirkte mit seinen Knopfaugen, bis er plötzlich anfing, einen hysterisch anzukläffen!
Na ja, das war eine andere Geschichte. Während ich noch darüber nachdachte, war ich schon vor meiner Wohnungstür angelangt und hatte sogar den Schlüssel ins Schloss geschoben. Da fiel mir erst die Dame auf dem Bürgersteig wieder ein.
Krass, dachte ich. Über die werd ich gleich mal was in meinem Blog schreiben.