night once more

Februar 7th, 2010 § 1 Kommentar

“Seltsam, jetzt auf diesem Scherbenhaufen zu stehen, auf diesen Relikten des großen Scherbengerichts.”
- Was?
- Ich lese nur vor, was Bob auf seiner Schreibtischunterlage notiert hat.
- Und immer noch kein Lebenszeichen?
- Nein. Mitten über dem Atlantik – weg.
- “Gerichtstag über sich selbst halten, Herr Ibsen, eine schöne Idee — aber bitte in einem ordentlichen Zivilverfahren, nicht wahr? Blogo gegen Zentriker. So aber? Wenn jeder daher kommt und seine Scherbe hinlegt, vom rätselhaften Dr. Nostradamus bis zum ominösen bobbowitsch? Man ist dem Himmel am Ende ein wenig näher, wenn man auf diesem Haufen steht. Immerhin das.”
- Was wollten die denn eigentlich in der Dominikanischen Republik?
- Da bin ich auch nicht so recht durchgestiegen. Irgendwas mit Attila Berg.
Bert “Big” Bruder schüttelte den Kopf.
- Attila Berg, murmelte er.
- Ich vermute, dass die Jungs sich mal wieder eine schöne Zeit machen wollten.
- Gab’s da nicht auch dieses Mädchen? Und eine Bar im Urwald?
- Das war aber in Brasilien, wenn ich richtig orientiert bin …
Die Seiten eines Moleskine-Heftchens werden rabiat umgeblättert.
- Ich find’s grad nicht …
- Sicherlich haben sie für den neuen Utz Feller recherchiert.
- Für den neuen Roman?
- Ich dachte, die wären endgültig abgezogen worden aus der Romanabteilung? Nach dem Clash mit Cyclops Media?
- By the way. Hat eigentlich je jemand all diese Dramen zurückgeschickt?
- Was für Dramen?
- Das Büro. Im 88. Stock.
- Das mit der Maus?
- Ja?
- Wo die ganzen Kisten drin stehen?
- Die sind alle voller Theatertexte, die Kisten!
- Da traut sich keiner rein.
- War da nicht sogar mal ein Vogel drin in dem Büro? Ein Mäusebussard?
- Der ist längst durchs Fenster raus.
- Vielleicht sollten wir da mal einen Reinigungstrupp hochschicken, Big, was meinst du?
- Attila Berg … unglaublich.
- Stell dir vor, die beiden sitzen jetzt schon auf dem Meeresboden. Immer noch angeschnallt. Die Seitenwand des Jumbos ist herausgerissen. Oder aufgerissen.
- Und Fische schwimmen durch Bobs Augenhöhle ein und aus.
- Fische, die Bobs Augen heraus gefressen haben?
- Aber er hat doch diese Brille auf! Die kommen doch gar nicht ran an seine Augen!
- Dann halt bei Georg.
- Das kann ich mir schon eher vorstellen.
- Fressen Fische eigentlich auch das Gehirn? Also, ist das für die eine Delikatesse, Menschengehirn?
- Bei Tiefseefischen? Schon möglich. Bei Tiefseefischen ist so ziemlich alles möglich, oder was meinst du, Big?
- Attila Berg …
- Haben die nicht so Grubenlampen auf dem Kopf?
- Die machen es sich da unten richtig gemütlich, in der schwärzesten Tiefe.
- Da kommt kein Strahl vom Sonnenlicht mehr hin. Wird alles von den Fluten darüber absorbiert.
- Nur Bob und Georg, die kommen da hin.
- Die kommen überall hin, ja.
- Plattgequetscht wie Papier.
- Weißt du, wie man die zwei früher nannte?
- Nein, wie?
- Die Nackten Seelen.
- Aha? Warum das?
- Weil sie … keine Ahnung. Weil sie nie groß gefragt haben, bevor sie sich in irgendwas hinein stürzten. Glaub ich.
- Das waren noch Zeiten, was, Big?
- Die glorreichen Zeiten!
- Attila Berg …
- Bitte? Big? Was murmelst du denn da die ganze Zeit?
- “Ja, das wusste er selbst nie so genau!”
- Wie?
- “Und lag darin einerseits unbestreitbar auch eine gewisse Kraft, erlahmte andererseits der schriftstellerische Elan, als er keine festen Ufer erreichte, sich weder an Skylla noch Charybdis festmachen konnte. Seine Polemik lief immer wieder rückwärts gegen ihn selbst an, und das machte ihn auf die Dauer fertig. Schön ist das Amt des Schlechtredners ja nur, wenn man den Anderen die Leviten liest! Aber dauernd sich selbst aufs Korn zu nehmen? Am Balken im eigenen Auge zu rütteln? Selbst für die Betrachter dieses leicht wahnhaften Schauspiels ist das auf die Dauer sehr anstrengend!”
- Von wem ist denn da die Rede?
- Was hat Bob sich denn alles für einen Blödsinn auf seiner Schreibtischunterlage notiert?
- In so ganz kleiner Schrift.
- Mikrogramme nennt man das.
- “Lassen Sie es mich klipp und klar sagen: Auch wenn alle Welt unbesehen die Segnungen des dekonstruktivistischen Schreibens preist — in der Praxis ist es nicht selten eine erschöpfende, zermürbende, aufreibende Tätigkeit. Es kommt dabei ja nichts heraus, außer vielleicht größerer Demut, einem neuen Buch, einer neuen Methode. Ich kann sehr gut jene verstehen, die irgendwann die Brocken hinschmeißen, sich die Digitalkamera schnappen und um die Häuser ziehen, um die hypermentale Vision ihrer Nachbarschaft festzuhalten.”
- Hm. Wird jemand daraus schlau?
- Typisch Bob.
- “Zudem: Fotos schauen die Leute sich wenigstens an. Erinnern Sie sich an das, was James Joyce über Dublin sagte? Wenn die Stadt dereinst untergangen wäre, meinte er, würde man sie rekonstruieren können anhand seines ULYSSES. Bis heute ist das nicht geschehen. Wie stehen die Chancen, dass man Berlin, wenn es von der Landkarte verschwunden sein wird, von Krise oder Tataren oder Ostwind hinweggefegt, wiederaufbauen wird auf der Grundlage all der Fotos, die sich im Internet befinden? Die hier Wache halten vor einer schlafenden Möglichkeit? Berlin, der schlummernde Riese — wann wird er aufhören, sich an den Eiern herumzukraulen, wann wird er aufstehen und der Welt zeigen, wie man die Zukunft anpackt?”
- Das ist ja ziemlich düster!
- Aber auch irgendwie patriotisch.
- Das ist doch dasselbe, Mensch!
- Gibt’s da nicht auch ein paar optimistische Texte?
- Nee, da steht nur noch ein letzter Absatz.
- Lies schon vor.
- “Wie auch immer, jetzt ist er fertig, der Entwurf einer Ruine. Und es zeigt sich, dass er die ganze Zeit über die Ruine eines Entwurfs war! Nun, auf das Wortspiel warte ich immerhin seit Anfang dieses Projekt. Nur eines erstaunt mich: War denn wirklich ‘Bin ich nun hypersensibel oder ein Borderliner’ WIRKLICH der erste Beitrag des Blogozentrikers?”

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