Spekulationssubjekt
Februar 13th, 2010 § 2 Kommentare
Was mich an Feinmann immer in Erstaunen versetzte — und was ihn schlussendlich auch in den Selbstmord trieb –, war, dass er eher an sich selbst zweifelte als an der Welt. Viele Kirchenväter, um jetzt mal etwas hoch zu greifen, sahen in diesem Sündenbabel von stinkender Mistkugel … nein, jetzt hab ich den Satz falsch aufgebaut, aber Sie begreifen, worauf ich hinaus will! Es gibt ja mehr als einen Ansatz, um den Globalzusammenhang Mensch zu kritisieren. Wir vergiften die Umwelt, verklappen Müll, füllen den Marianengraben mit unserer Scheiße. Wir würden unsere radioaktive Pest sicher auf den Mond hinauf schießen, wenn nicht jede zweite Raumfähre beim Start explodierte! (Nicht auszudenken, was der US-Präsident sich dann einfallen lassen müsste, um seiner Nation zu erklären, dass es leider zum Super-GAU über Cape Canaveral gekommen sei, und radioaktive Winde zögen in Richtung New York!)
Feinmann hingegen war der festen Ansicht, er müsse sich der Katastrophe Welt anpassen. Es sei seine Aufgabe, ebenso mies zu sein wie seine Umgebung. Immer wieder sagte ich zu ihm: “Aber nein, Feinmann, nur ruhig Blut! Du bist doch völlig okay! Du bist ein netter Kerl! Wir mögen dich! Wo ist das Problem? Natürlich ist das alles hier ein riesiger stinkender Scheißehaufen, ein kosmischer Furz!” Ich entwickelte oft, das war dann ganz lustig, nach dem dritten, vierten Bierchen aus dem Stegreif eine Kosmologie, die mehr oder weniger von göttlichen Blähungen ausging. Und wir seien mehr oder weniger alle das Resultat eines feuchten Furzes, der im falschen Augenblick … na, okay. Das war etwas skatologisch. Aber ich habe mal Theologie studiert, und ich kann es meinem Schöpfer nicht verzeihen, dass er sich von mir abgewandt, dass er mir im entscheidenden Augenblick die Gnade des Glaubens entzogen hat.
Und das kam so. Eines Tages, auf einer Wiese in einem Schwimmbad, merkte ich nämlich, dass etwas anders war. Von einer Sekunde auf die andere. Ich las gerade in Eric Hobsbawms ZEITALTER DER EXTREME. Und plötzlich sah ich auf, weil sich auf meinem Arm ein saugendes Insekt niedergelassen hatte. Zwei transparente Flügelchen, langer Schnabel, der unter die Haut ging. Ein mildes Brennen. Und obwohl ich bislang immer versucht hatte, die Schöpfung zu achten und zu bewahren und zu schonen, was da kreucht und fleucht — patsch, diesmal schlug ich zu! Ich killte das Vieh. Es hätte auch ein Axolotl sein können, das Biest hätte ich genauso platt gemacht!
Erst als ich das Blut auf meinem Arm sah — so ein Lurch ist ja ein ganz schön großes Lebewesen, wenn man ihn zerquetscht, merkt man das erst — stellen Sie sich mal vor, Sie hätten auf ihrem Arm einen Frosch, und den schlügen Sie aus Versehen zu Brei. Oder, wenn das zu abstrakt ist, ein Auto führe über Ihren Arm, auf dem ein Frosch sitzt. Sehen Sie’s vor sich? Na, angesichts dieses Breis auf meinem Arm jedenfalls begriff ich erst, was ich da getan hatte. Ich hatte getötet! Ich war entsetzt, ich sprang auf, ich schüttelte das tote Wesen von mir ab, von meinem Fleisch. Doch den Mord, den vermochte ich so natürlich nicht abzuschütteln. Ich rannte also zum Wasser — meine Freundin rief mir nach, ich reagierte nicht mal — und warf mich, lebensgefährlich für einen ganzen Schwarm Seniorinnen, ins Wasser.
Hier, umflossen vom klaren, kühlen, chlorhaltigen Nass, konnte ich es nicht mehr leugnen. Die Stimme in mir war verstummt. Ich schwebte, mit den Armen einen weiten Kreis beschreibend, im Nichts. Das Nichts war aus Wasser, okay, und es trug mich, auf der Basis eines Haufens von physikalischen und chemischen Gesetzen — aber es war nichts darin von Güte, von Vertrauen, Zuversicht, Geborgensein. Ich hatte etwas verloren; etwas hatte MICH verloren! Ich fühlte mich wie tot, auf eine gewisse Art, und auf eine andere Art fühlte ich mich schrecklich FREI. Ich brauchte auf nichts und niemanden mehr Rücksicht zu nehmen.
Am nächsten Tag schrieb ich gleich eine Bewerbung für die Unternehmensberatung, in der mein Schwager an ziemlich hoher Stelle saß. Ich hatte mit ihm telefoniert, und er hatte mir versprochen, er werde sehen, was sich machen ließe. Meiner Freundin, so einer protestantischen Heulsuse, so einer Schuld-Wurst von Pfarrerstochter, gab ich den Scheidebrief. Ich war noch jung, 24 Jahre alt, ich hatte das Leben vor mir, und das wollte ich, wenn ich schon hinterher die Zeche dafür zahlen musste, wenigstens genießen. Wenn man sagt, dass man eh verloren ist und der ewigen Verdammnis preisgegeben, ist der Kapitalismus für die Zeit bis dahin eigentlich die ideale Lebensform.
Wenn man sagt, dass man eh verloren ist und der ewigen Verdammnis preisgegeben, ist der Kapitalismus für die Zeit bis dahin eigentlich die ideale Lebensform.
Ich meide aus Rücksichtnahme mal den fratzigen Smiley. Was mich gerade beunruhigt, ist der Umkehrschluss, den ich aus Deiner Jugendanekdote für mich ziehen kann. Da nämlich der Umstand gegeben ist, dass ich mich anhaltend über ‘ist mir doch egal wie Du’s siehst, ich seh’s eh relativ’-Eskapisten aufrege: ob ich nicht besser Theologie studiert hätte???
Lieber Willyam,
was gäb ich darum, wenn das MEINE Jugendanekdote wäre! Dann wär ich fein raus. Aber nein, leider. Ich bin Feinmann. Insofern fühle ich mich auch nicht berufen, Dir einen Rat zu geben; ich denke aber, im Vertrauen gesagt, dass tatsächlich die Zeit der Theologen zurückkehren wird. Auch Gottfried Benn hat ja so etwas gemurmelt, dass die Zukunft zwei Arten von Menschen gehören werde: den Mönchen und den Mördern …
Einen schönen Sonntag Dir,
Bob