Blood Gets In Your Eyes

Februar 14th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Er ertrug es nicht, wenn Literatur spielerisch war. Was er verlangte, war Ernsthaftigkeit, Bosheit, Wut, ein Hineinbohren ins wehe Fleisch des Lebendigen, wie mit dem Skalpell, um die ranzigen Stellen bloßzulegen. Bis auf die Knochen, wo die Wahrheit wohnt. Das, so dachte er, an seinem Rechner sitzend, die Stirn schwer gestützt mit zehn Fingern und zwei Ellbogen, das war doch die Aufgabe des Schriftstellers heute! Weh zu tun, verdammt! Schmerzen zu bereiten! Und zwar den Schweinen in den oberen Etagen. Den Fuckern vom Kulturbetrieb, die eine Hegemann, diese dumme kleine Fotze, die er am liebsten massakriert hätte samt ihrem faschistoiden Vater, und dazu auch gleich das ganze Gesindel von der Volksbühne, die alle gleich mit, mit dem Maschinengewehr, René Pollesch, Schlingensief, Carl Hegemann, die ganzen Profiteure des geistigen Elends … bah!

Er spuckte aus, er sprang auf. Hass schnürte ihm die Kehle zu und unnennbare Qual. Tränen flammten seine Augen nach innen. Er rammte seinen Schädel gegen die Wand seines Zimmers, um wieder Sicht zu bekommen. Drüben konnte er hören, wie seine Mitbewohnerin sich daraufhin von ihrem Schreibtisch löste. Wie sie in ihren Hausschuhen mit Mausschnauzenspitzen durchs Zimmer huschte. Ängstlich, aber kampfbereit, so, wie sie war, unaussprechlich ekelhaft. Eigentlich wirklich eher eine Maus (da passten die lächerlichen Hausschuhe perfekt) als ein Mensch! Dass so etwas leben durfte!

Er hämmerte seinen Kopf noch einmal gegen die Wand, mit Schwung, gegen das Poster von Chet Baker, “Let’s Get Lost”, und wirklich, er hörte sie nun protestieren drüben, aufstöhnen in geschocktem, verzweifeltem Unmut. Ein Laut wie: “Ah, uhm!”
Er schrie: “Fick dich selber, du verratzte Nutte!” und warf sich aufs Bett. Blut besudelte sein Kopfkissen, das er sich aufs Gesicht presste. “Du liebe Scheiße, ich blute wie ein Schwein”, dachte er, und jammernd kroch er aus seinen Laken.

Was hatte der Blogozentriker getan? Welch ein Verrat an den gemeinsamen Idealen! Auch dem Blogozentriker wünschte Mark den Tod, wie er jetzt über seinen Teppich fiel, rutschte, sank, sich aufrappelnd, erneut ausgleitend, zappelnd, wie ein Käfer, zur Tür, nur zur Tür, die Klinke mit dem stacheligen Käferbeinchen greifend, sie herabziehend, von Drücken konnte man ja kaum mehr sprechen in seinem Zustand, er war ja …

Auf dem Flur fiel er seiner Mitbewohnerin in die Arme. Die verfuckten Mausspitzen! Er stieß sich von ihr ab, sammelte sich, setzte einen Blick auf, der nicht gelingen wollte. Hochmütig, entschlossen.
Wie ein Idiot stand er da, blutend wie ein Schwein, aus klaffender Stirnwunde. Blut strömte in seine Augen.
Sie hielt Zettel in der Hand, Tropfen fetten Blutes waren darauf gefallen.
“Was?”, rief er.
Sie sah ihn an, wie etwas unsagbar Fremdes. “Du blutest”, sagte sie dann nur, hob ihre Zettel, einen blinden, besudelten Spiegel.
“Natürlich blute ich!”, schrie er, als wäre es eine Antwort, und stürzte zum Badezimmer.
Sie sah ihm nach, die Mitbewohnerin, auf ihren Lippen ein saures Lächeln der Verachtung.

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