Der Lohn des Misserfolgs
Februar 14th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Überhaupt, die Liebe … HCS fragte sich, bequem in die Polster seiner Limousine zurückgelehnt, ob er eigentlich noch an die Liebe glaubte. Er hatte vorhin mit einem Studiogast, so einem Rockmusiker, über die Liebe gesprochen, weil er den Kontrast reizvoll gefunden hatte: Rocker und leidenschaftliches Gefühl. Der Rocker war sehr witzig gewesen, ungeheuer schlagfertig, ein durch und durch ironischer, smarter Typ mit blondierten Haaren. Kurz war HCS angesichts von dessen durchtrainierter Schlagfertigkeit (der Rocker trank keinen Alkohol, machte dafür Kampfsport) angst und bange geworden, zumal das Studio voller Fans zu sein schien. Dann aber hatte er sich gesagt: “Was soll’s, Hauptsache, dem Publikum gefällt’s!” Und so hatte er sich auf einen verbalen Schlagabtausch mit dem Rocker eingelassen, wobei er feststellte, er konnte es noch, und Spaß machte es ihm obendrein! Am Ende hatte der Rocker ihm mit einem schiefen Grinsen die Hand gedrückt. Anerkennend.
Während er jetzt aber den leeren Blick nach draußen gleiten ließ, auf ein von getönten, regenverschmierten Scheiben ihm glitzernd verschönertes Köln, war das alles unendlich fern. Er fühlte sich einsam. Es war wie ein Schmerz, oder wie der Anfang von etwas unerträglich Schönem und Intensivem. HCS runzelte die Brauen, als der Wagen stoppte. Was konnte das sein, dieses Unaushaltbare? Wie stand es in Beziehung zu seinem Studiogast von vorhin? Dass HCS ein Profi war, der alles überstehen konnte, bezweifelte ja niemand. Seine Mitarbeiter wichen ängstlich zurück, wenn er erschien, obwohl er sich bemühte, Bonhommie zu verströmen. Seinen Hals konnte er aus jeder Schlinge ziehen, jeden Ring verließ er auf beiden Beinen, ein zerfurchtes Grinsen zwischen den Ohren. Er war ein Gladiator des Vergnügens.
Zugegeben, die Zeiten, in denen er jeden hatte umhauen können mit der Wucht seiner Zunge, die waren vorbei. Zugewachsen war ihm dafür eine schräge Würde, der allgemein verbreitete Verdacht nämlich, dass etwas mit einem wie ihm nicht mit rechten Dingen zugehen könne; nicht, dass er eine Legende zu Lebzeiten gewesen wäre, aber es ging in die Richtung — niemand erwartete sich mehr etwas von ihm. Ein Segen schwebte über ihm, der Segen allgemeiner Akzeptanz. Wie eine Gloriole umschwebte ihn die kollektive Erinnerung an seine Großtaten.
Traurig, kümmerlich … er glaubte also, tief durchatmend in dem großzügigen, fast protzigen Passagierbereich der Limousine, einer Leihgabe des Produzenten, nicht mehr an die Liebe? War es das? Weil an die Liebe nur Jungfrauen zu glauben vermochten? Wohingegen alle anderen den Preis kannten, gemäß des Oscar-Wilde’schen Bonmots, wonach der Zyniker derjenige sei, der den Preis von allem kenne und den Wert von nichts?
Alles das wäre die Aufregung nicht wert gewesen, die er jetzt verspürte. Nur lebte einer wie er ja davon, dass er mehr Leidenschaft in jeden Satz, in jede Geste pumpte, als andere Menschen sich auch nur zu erträumen vermochten. Er verschleuderte sich, gab sich aus, als hätte er Paul Valérys Diktum zu sehr sich zu Herzen genommen, wonach in geistigen Dingen allein der Verschwender, der Prasser zu Wohlstand komme. Konnte man das noch tun, durfte man es, wenn man nicht mehr zu lieben vermochte? War, anders gewendet, die Grundlage seiner Existenz nicht immer die Liebe gewesen? Und war er also jetzt ein billiger Schwindler, wie ein Araber in Marokko, der geschmacklose Teppiche zu grotesk überteuerten Preisen an ahnungslose Touristen verkauft?
HCS spürte dem Schmerz nach, während die Reifen seiner Nobelkarosse den Asphalt schluckten. Er wäre auch in der Straßenbahn nach Hause gefahren, oder im Taxi, aber sein Produzent meinte, es sei gut für die Quote, wenn er in dieser vanilleeisfarbenen Limousine unterwegs war. Das sei gut, und zu große Nähe zum Volk, zum Publikum, sei schlecht. Wenn auf den innerstädtischen Ringen dieser Wagen vorbeiführe am tumben Fußvolk, meinte der Produzent, da guckten die Leute hin und raunten, das da drinnen, das sei der legendäre HCS!
Ihm war’s egal. Es war ja natürlich auch bequem so. Mit seinem Schmerz hatte das alles nichts zu tun … oder doch? Kündigte dieser Schmerz womöglich an, dass er am Ende von etwas war? Am Ende seines Leidensweges etwa? War das Licht, das jetzt draußen durch die getönten Scheiben hereinfiel, im gleichen Maße die Beleuchtung eines Dönerimbisses wie der Vorschein seiner Befreiung, das Licht am Ende des Tunnels?