Dichter dran
Februar 15th, 2010 § 4 Kommentare
Mit leicht zittriger Hand nehme ich einen Schluck Wasser. Aus der Luft hier im Raum könnte man ein paar ordentliche Portionen raus schneiden, und dann könnte man daheim die Sitzkissen im Partykeller damit ausstopfen; die Leute saufen und qualmen wie die Irren. Meine Kehle ist ausgedörrt, und ich denke, dass ich mich dieser beschissenen Tortur AUF GAR KEINEN FALL hätte unterziehen dürfen! Eine Lesung, im “Südbalkon”, vor dem brutalsten und kritischsten Publikum der Stadt! Bin ich denn komplett plemplem, sag mal?
Meine Agentin lächelt mir aus der dritten Reihe zu. Sie merkt offenbar nicht, wie es um mich steht; dass mein Kreislauf kurz vor einem Kollaps steht, meine ich. Ich verziehe mein Gesicht zu einem Antwort-Lächeln, und so, wie es sich anfühlt, muss es grauenhaft anzusehen sein, dieses Lächeln.
Die Buchstaben vor meinen Augen verschwimmen, das Buch fühlt sich irgendwie zu groß an, zu klobig, zu weiß. Ich frage mich: Hab ich wirklich diesen ganzen ungeheuren Blödsinn eigenhändig geschrieben und drucken lassen? Die Sinnlosigkeit und gähnende Absurdität meiner Existenz wird mir schlagartig bewusst — handkantenschlagartig, meine ich, ins Genick! Ich würde am liebsten aufspringen, und dann nichts wie raus hier! Aber ich käme nicht weit. Das Publikum stopft sich bis in den Gang hinaus.
Welches unglaubliche Arschloch hat eigentlich die Dichterlesung erfunden, frage ich mich? Was soll diese Scheiße? Wenn ich das Zeug, das mir so einfällt, laut vorlesen möchte, dann brauche ich’s doch nicht extra vorher unter Riesenaufwand als Buch auf den Markt zu bringen, oder? Die ganze Tipp-Arbeit hätte ich mir da doch sparen können! Da könnte ich ja gleich ein Hörbuch machen.
Und genauso fühle ich mich jetzt, wie ein Live-Hörbuch! Wie ein Marketingartikel. Fehlt nur noch, dass jemand auf mein T-Shirt (übrigens schon schön durchgeschwitzt, unter den Achseln) einen feschen Spruch aus den Rezensionen druckt … leider gab’s ja aber bislang noch keine Rezensionen für meinen Roman. Rezensionen gibt’s nur für Helene Hegemann und ihr AXOLOTL ROADKILL. Für mich gibt es nur dieses billige, an meinem Rücken klebende Jackett, das ich jetzt aber auch nicht ausziehen möchte, weil ich mir dann wie nackt vorkäme.
Der Kaiser und seine neuen Kleider. Ob ich einfach abhaue?
Ich schaue auf. Da sehe ich ihn. Georg. Er grinst mich an, und ganz langsam und genüsslich fährt er sich mit dem rechten Zeigefinger über seine Kehle.
Seine Lippen formen gut hörbar das Wort: “Lies!”
Vor Angst pinkele ich mir doch glatt in die Hose.
(Hamburg, Freitag, den 26.02.2010, Industriestraße 117.)
Nee, jetzt mal ehrlich, Leute: 1) Bloggos Lesungen sind dER hAMMER. 2) Natürlich gibt es zu Hohlkörper eine Rezension (eben genau eine). 3) Dass “die Leute” im Südbalkon saufen “wie die Irren” halte ich für ein Gerücht. Das war vielleicht mal, als “die Leute” noch jung und durstig waren.
Nur mal der Wahrheit halber.
Was? Dann bin ich voll auf einen Gewährsmann reingefallen … dann liegt die Schuld aber bei dem Typen, bei dem ich abgeschrieben habe! Da steht wortwörtlich: “Im legendären ‘Südbalkon’ saufen und qualmen die Leute wie die IREN.” Ich hab sogar, wie man sieht, einen kleinen kreativen Eigenbeitrag geleistet … hihihi.
Ach, die Iren sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Schau dir nur U2 an, Bloggo.
Mensch, Vau, hör doch mal auf, auf den Iren herumzuhacken! Das sind doch total nette, friedliche Leutchen! Was hast Du denn nur immer?