12,84

Februar 16th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Typ an der Kasse im “Penny” schaut auf. Blonde, sehr kurze Haare. Etwas schräg im Gesicht wächst eine Nase, die von seinen erfolglosen Versuchen als Kickboxer zeugt. Seine Hände sind schrundig, vernarbt, warzig, blatterig, mit ein paar wunden Stellen. Dieses knallrote Corporate-Identity-T-Shirt mit gelber Schrift, das allein schon aggressiv macht. Er löst die Hände von der Milchtüte und sagt noch einmal, lauter: “12,84.”

Der alte Mann im langen, speckgrauen Wintermantel, neben ihm steht seine Frau mit Kopftuch, die noch anderthalb Köpfe kleiner ist als er, ein Grieche mit Bart oder ein Türke mit Bart, vielleicht auch ein Albaner mit Bart, was weiß ich, jedenfalls trägt er einen Hut, der seine besten Tage hinter sich hat, und er entgegnet in strengem, vorwurfsvollem Tonfall: “Nicht”, und den Rest seiner Äußerung kann ich nicht mehr verstehen. Es wird Albanisch sein oder Griechisch. Oder Türkisch. Ich spreche weder Türkisch noch Albanisch, und mein Griechisch beschränkt sich auf “kali nichta” und “kaloderma”. Ach ja, und “jamas”, das sagte der Kellner in meinem Geburtsort immer, wenn er uns zur Rechnung den Ouzo hinstellte, “jamas”, “Prost!” Er selbst trank nicht mit, niemals, nicht ein einziges Mal, er schob immer gleich wieder ab mit seinem vom griechischen Wein feuchten Tablett und einem gedankenlosen Lächeln. Er träumte davon, später Teilhaber zu werden, Geschäftsführer, aber dann überwarf er sich mit dem Boss, und was aus ihm wurde, weiß ich nicht. Vermutlich ist er in der Nachbarstadt bei einem Griechen eingestiegen, beim “Delphi” oder “Olympia”, oder beim “Dionysos”.

Das sind normale Jugenderinnerungen, durchaus, einen Leserbrief muss man deswegen nicht schreiben, aber mein Vater war eben auch kein Dramaturg. Mein Vater war Stahlarbeiter. Ich habe nie in der Kantine der “Volksbühne” herumgehangen und Protest geübt, der Rosa-Luxemburg-Platz war fern von dort, wo ich aufwuchs, und vieles, gegen das man hätte opponieren können, gab es damals auch nicht. Es gab nur Weite und Öde und schlechte Manieren. Ich wollte einfach nur abhauen und ein einigermaßen menschliches Leben führen, wenn ich mich recht entsinne, und es dauerte viel zu lange, bis ich das endlich geschafft hatte.

Mag sein, dass mich deswegen jetzt auch diese Szene im “Penny”-Markt fesselt, hier in der unmittelbaren Nachbarschaft von Stundenhotels und Play-Paradiesen und Videokabinen mit alle 36 Stunden wechselndem Fetisch-Programm. Ich will gleich auch noch einen Film sehen, FAUST, aber nicht etwa so einen Schweinkram mit Analbehandlungen, sondern ein Stück echter Kinogeschichte. Mit Emil Jannings, das Friedrich-Wilhelm-Murnau-Werk. Sie zeigen FAUST in einer restaurierten Fassung mit Live-Klavierbegleitung, im “Metropolis”, das noch so ein richtiger alter Film-Palast ist. Sonst wird das Wort “Palast” heute ja nur noch auf Glücksspielhallen angewandt.

Es ist fünf Uhr nachmittags, die Welt braucht mich heute nicht, auf noch einen Jörg-Fauser-Roman habe ich keine Lust, da kann ich auch ins Kino gehen. Interessiert mich außerdem, was für Freaks sich um fünf Uhr nachmittags einen Stummfilm aus dem Jahre 1926 anschauen. 1926, da war mein Vater noch nicht einmal geboren, und jetzt ist er schon wieder tot. Ich hatte mir auch gedacht, dass so ein Publikum auf seine Art faszinierend sein müsse, Leute, die 126 Minuten lang eine deutsche Volkssage im expressionistischen Stil verfolgen wollen. FAUST sei “der Höhepunkt des expressionistischen deutschen Films”, stand in der Ankündigung.

Neulich haben wir im “Metropolis” den Film PANIC IN NEEDLE PARK von Jerry Schatzberg gesehen, mit Al Pacino, einen Film über die Drogenszene New Yorks, aber im Vergleich zum Berlin von 2010 war die Mutter aller Metropolen 1971 wirklich ein Klacks. Es ging dort unglaublich liberal zu, auch wenn mal hier und da einer erschossen wurde. Man konnte sich wenigstens in aller Ruhe einen Schuss setzen, ohne gleich einen Bestseller schreiben zu müssen.

Nun, früher war es ja auch noch eine Schinderei, so ein Buch zu schreiben. Das war ja Sträflingsarbeit! Entweder schrieb man mit der Hand, was natürlich unvorstellbar brutal und mühselig war (und im Anschluss konnte eh kein Mensch das Gekrakel lesen), oder man tippte auf der Schreibmaschine. Das war einen Tick besser, aber ein echtes Vergnügen war es auch nicht, außerdem gab’s keinen automatischen Seitenwechsel … Mein Vater hatte noch eine solche alte Schreibmaschine. An der hätte selbst Gutenberg sich die Zähne ausgebissen. Dauernd klemmten die Tasten, und von Zeit zu Zeit riss das Farbband, und dann machte man sich die Finger schmutzig bei dem Versuch, es zu wechseln. Anschließend war die Inspiration mit Garantie auf der Strecke geblieben. Dann gingen die meisten Autoren ihre Frau schlagen, um auf andere Gedanken zu kommen, oder wenn ihre Frau nicht da war, verprügelten sie die Schwiegermutter (zum Glück lebten damals Familien oft noch zusammen), oder sie warfen eine Handvoll Amphetamine ein und dann ihre Möbel aus dem Fenster.

Man könnte, wenn man das alles in Gedanken so vergleicht, fast den Eindruck gewinnen, als trügen unsere Kaputtniks in Berlin anno “radikal jung” ein bisschen dick auf. Was wäre wohl los gewesen, wenn Helene Hegemann als Tochter eines Drogendealers sozialisiert worden wäre? Nun, ich schätze, sie wäre einfach auf eine andere Art reich geworden.

Der Blonde an der Supermarktkasse tippt fest gegen die digitale Preisanzeige, damit es auch der Blödeste begreift, dass er einen bestimmten Betrag fordert und nicht vom Wetter redet oder von der “SPIEGEL”-Bestsellerliste. “12,84″, wiederholt er dazu laut und übellaunig. Die Frau schiebt schon mal ab mit ihren Einkäufen, während ihr Gatte erst mal einen Zehn-Euro-Schein aus der Tasche fischt und ihn dem Kassierer hinwirft. “Ja, ja, aber nicht”, sagt er noch einmal voller innerer Reserve, als hätten diese ganzen Blonden keinen Begriff von Anstand und Ehre, und dann sagt er wieder dieses Wort, das ich nicht verstehe. Dann klimpert der Mann mit Hut mit den Fingern seiner linken Hand mit dem Kleingeld in seiner rechten Hand herum, um sich am Leben zu rächen.

Meine Kassiererin ist dunkelhäutig. 1971 hätte man sie bestimmt in so einem Text als “Negerin” bezeichnet, oder als “ausnehmend aparte Negerin”, und bestimmt hätte das so ein klein wenig abfällig geklungen, wie heute ja auch noch. Sie guckt aber so, als wär’s ihr letztlich egal, wie man sie nennt, wenn sie nur diesen Schuppen pünktlich zum Dienstschluss mit heiler Haut verlassen darf, welche Farbe diese Haut auch immer haben mag. Ich kann das schon verstehen. Es erinnert mich an früher, an meine Kindheit, wo ich mir auch oft wie ein Afrikaner vorkam, und ich zahle die verlangten 1,43 Euro. Ich sage dazu nichts. Für Hähnchenbrust und Milch ist das ein fairer Preis.

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