Biss zum Erbrechen

Februar 16th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich lächelte dem jungen Mädchen zu und zog mich einen Schritt weiter zurück, zurück in den Schatten, in die Sicherheit. Draußen bohrte sich nämlich gerade ein enormer, fieser Sonnenstrahl durch das Gewölk über der Hensley Street und zerplatzte auf dem Dach eines Mercedes in Myriaden spritzender Lichtpünktchen. Sehr hübsch anzusehen, aber leider auch nicht gerade ungefährlich für einen wie mich.

Für uns Vampire war London mit seinen 362 Wolkentagen der ideale Ort fürs Tagesgeschäft, ganz zu schweigen von der Kunstszene, in der wir perfekt assimiliert waren. “Blutsauger”, so nannte uns die pseudoaufklärerische Presse, um unbescholtene britische Bürger vor gewaltigen Fehlern und Fehlinvestitionen zu warnen. Wir kicherten dabei in unsere samtenen Umhänge hinein. Wie nah die Journaille der Wahrheit war! Hätte einer dieser Schreiberlinge auch nur geahnt, dass das, was er für Verbalattacken hielt, schlicht und einfach präzise Beschreibungen unserer Existenzweise waren — vielleicht hätte er den Beruf gewechselt? Und Brötchen verkauft? Oder in einem der von unserer community frequentierten Lokale bedient? Um irgendwann auch in den erlauchten Kreis der Untoten Kunsthändler aufgenommen zu werden?

Neulich hatte sich ein türkisches Restaurant ansiedeln wollen, genau gegenüber von “Harper’s Bizarre”, unserem Shop. Sie ahnen natürlich, dass Knoblauchdünste, die durch die Hensley Street treiben, nicht exakt das sind, wonach unsereins sich sehnt! Mike, mein Kompagnon, übrigens ein Ungebissener, und ich setzten uns daraufhin eines Abends mit dem Mayor of London, dem Bürgermeister, zusammen. In einem unserer Lokale, genau. Wir stellten dem Bürgermeister eine nicht unbedeutende Spende für seinen nächsten Wahlkampf in Aussicht, wenn er es schaffe, die vom Bosporus heranschleichende Gefahr aufzuhalten.

Jetzt können wir jeden Mittag beim garantiert knoblauchfreien Italiener gegenüber für ein paar Pfund eine Pizza essen, denn Versprechungen haben eine ungeheure Macht. Wir handeln mit Jeff Koons, Martin Kippenberger, Keith Haring, mit Kälbern in Formaldehyd, mit Bettlaken von Tracy Emin, silbernen Perücken, die in China hergestellt werden, angeblich aber auch schon auf Andy Warhols Kopf saßen (wir sind ziemlich sicher, dass das Bullshit ist), und auch Takashi Murakami gehört zu unseren Sortimentsangeboten. HIROPON, ein Plastik-Manga-Weib mit gewaltigen Titten und blauen Haaren, haben wir neulich für eine obszöne Summe an einen schwäbischen Sammler kinderpornographischer Devotionalien verscherbelt.

Das Mädchen folgte mir in den Schatten, weg von dem lebensgefährlichen Gleißen da draußen auf der Straße.
- Es ist so AUFREGEND, was Sie machen, stöhnte sie.
- Nun ja, es ist Kunst, sagte ich. Es hat seine Höhen, und es hat seine Tiefen.
Ich lächelte. Dabei ließ ich ein ganz klein wenig mehr von meinen Eckzähnen sehen, als bei einem scharfen Beobachter klug gewesen wäre. Das Mädchen war aber keine scharfe Beobachterin. Scharf waren hier nur meine Zähne. Ich liebte das Risiko.
- Und Sie meinen, so ein Praktikum wäre möglich, ja?
Sie war ganz aufgeregt, als hätte sie hohes Fieber. Sie war im Grunde noch ein Kind.
Sie wäre, in Formaldehyd, auch etwas für den schwäbischen Perversen gewesen.
- Wissen denn Ihre Eltern, was Sie vorhaben?, erkundigte ich mich höflich.
- Meine Eltern wissen einen Scheißdreck!
Lolita wurde ungehalten. Sie biss mit Schmackes in ihren Kaugummi. Beinahe wäre sie von ihren hohen Plastikabsätzen geknickt. Ihr Haar war blondiert, erkannte ich jetzt, da sie mir so nahe rückte. Ich konnte die dunklen Ansätze erkennen. Um ganz sicher zu gehen, blinzelte ich über den Rand meiner Sonnenbrille. Das Licht, das von den Frontscheiben her hereinströmte, ließ meine Augen tränen. Braune Augen. Ich war ziemlich enttäuscht. Mir wäre eine echte Blondine mit blauen Augen lieber gewesen!

Nun ja, formulierte ich für mich die Moral von der Geschicht’, die Krise verschont halt keinen von uns!

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