Das System bist du

Februar 17th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

“Jeder Mensch, Georg, ist ein System! Ist dir das eigentlich klar?”
Ich rieche, während ich meinen Mantel über die Stuhllehne hänge, an dem Glas. Fruchtig-frisch. Hat Bob sich also zum Mittagessen mal wieder einen Schluck Rotwein gegönnt!
“Wieso ein System?”, rufe ich und verteile die Orangen in der Schale auf dem Küchentisch. Bob sitzt nebenam am Rechner. Er durchforstet das Internet nach irgendwelchen Informationen.
“Na, ein System halt. Mit ganz eigenen Regeln, Regelkreisen, Relais, Schaltungen, Parametern.”
“Hm”, sage ich dazu nur und stelle die Milch in den Kühlschrank.
“Schon irgendwie faszinierend, wenn man sich das genau überlegt”, fährt Bob fort zu rufen. Ich schaue derweil im Hängeschrank nach. Drittes Fach von oben. Rotwein, die halbe Flasche ist schon leer. Wenigstens Öko-Rotwein.
“Je ferner eine Organisation vom Gleichgewicht ist, lese ich hier”, ruft Bob, “desto intelligenter sei sie. Gefahr drohe nur, wenn das System zu driften anfängt. Pass auf. Dann bist du nämlich, falls sich das entsprechende System in deinem Schädel befindet und unter dem Namen ‘Gehirn’ bekannt ist, psychotisch. Klingt das nicht alles irgendwie nach total abgedrehter …”
Bob steht jetzt in der Tür, und ich halte ihm die halb geleerte Rotweinflasche hin.
“… Science-Fiction”, beschließt Bob seinen Satz.
“Würdest du mir das bitte mal erklären? Bob? Es ist” — ich bin mir nicht zu schade, eine Armbanduhr zu tragen — “erst 13 Uhr!”
Bob winkt großsprecherisch ab.
“Ach, komm! Das war doch nur ein Konter-Viertel. Gegen die acht von gestern Abend”, setzt er scherzend hinzu.
“Du sollst doch nicht während der Arbeit saufen”, sage ich streng. “Wir haben doch ausführlich darüber geredet, oder?”
“Macha und Schauer”, unsere Detektei, befindet sich nicht gerade auf dem aufsteigenden Ast. Und, von allem anderen einmal abgesehen (ganz oben auf der Liste: zahlungsunwillige Kunden und Alimente für meine Ex-Frau), ist einer der Gründe dafür Bobs Sauferei.
“Was doch jetzt viel wichtiger ist”, sagt Bob. “Ich recherchiere diese Sache mit dem System, weil unser neuer Fall ein toter Systemtheoretiker ist.”
“Bitte?”
“Ja, den haben sie heute früh in seinem Garten gefunden. Stranguliert.”
“Stranguliert?”
“Mit einem USB-Kabel. Genau genommen mit dem USB-Kabel, das seinen Computer zuvor mit seinem WLAN-Modem verbunden hatte.”
“Ein Systemtheoretiker? Was ist denn das überhaupt?”
“Keine Ahnung. Eigentlich war er auch ein Unternehmensberater. Der hat eine richtig große Consulting-Agentur geführt. Bis er dann heute früh tot in seinem Brunnen aufwachte.”
“Aha? Und wer hat dich zu dem Fall hinzugezogen?”
“Ein kleiner Amor aus Marmor pinkelte ihm die ganze Zeit über auf den Kopf. Unermüdlich. Piss, piss, piss.”
“Wer hat ihn gefunden, Bob?”
“Seine Haushälterin. Eine seiner Haushälterinnen.”
“Er war also betucht, ja? Wenn ich das richtig verstehe? Er war gut im Geschäft?”
“nextpertise. So hieß dieses Beratungsunternehmen. Hast du davon mal gehört?”
“Nein.”
“Die haben Autokonzerne beraten, Softwareriesen, Telekommunikationsanbieter. Solche Kaliber. Hinsichtlich der Intelligenz von deren Organisationen. Klingt alles ziemlich abgedreht, was die so getrieben haben, war aber offenbar lukrativ. Wie ich sage, Science-Fiction. Unser Toter war ursprünglich Neurobiologe. Hat Gehirne seziert. Und dann sezierte er halt irgendwann die Gehirne von Managern.”
Ich muss mich setzen. Ich schaue Bob an.
“Das ist ja richtig Geld im Spiel.”
Ich flüstere den Satz, als hätte ich Angst, die falschen Geister auf den Plan zu rufen.
“Ja … sicher auch nicht ganz einfach für so ein USB-Kabel, plötzlich ein Mordinstrument zu sein.”
Bob kratzt sich mit gierigem Blick am Kinn, und ich stelle wütend die Rotweinflasche außerhalb seiner Reichweite.
“Wer hat dich mit diesem Fall beauftragt, Bob? Das hab ich dich gefragt!”
“Der Sohn. Einer der Söhne. Ein gewisser Alexander. Er rief mich an.”
“Und wie heißt dieser tote Systemtheoretiker, dem ein Marmor-Amor die ganze Nacht über auf den Kopf gepieselt hat?”
“Es ist ein Grieche. Ein gewisser Omegas. Prof. Dr. Philip Omegas.”
“Und du hast natürlich einen Vertrag mit diesem Alexander Omegas gemacht? Mit seinem Sohn?”
“Noch nicht.”
“Aber du hast daran gedacht, einen zu machen?”
Ich denke an Autokonzerne, Softwareriesen und Telekommunikationsanbieter. An all das Geld, das in solchen Unternehmen frei flottiert. Und ich denke an die Alimente und an die Kontoauszüge, die in meinem Mantel stecken.
“Früher oder später”, sagt Bob ausweichend, “hätte ich bestimmt …”
“Du hast nicht daran gedacht?”

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