Entscheidung im Abendlicht
Februar 17th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
- Wir sind pleite, sagt mir Brownie am Telefon, merkwürdig gelassen, wenn man bedenkt, welchen Text er da gerade zu sprechen hat. Würden wir einen Film drehen, und wäre ich der Regisseur, dann würde ich mit ihm jetzt ein ernstes Wörtchen reden. Die Haltung seiner Figur sollte er wirklich noch mal ernsthaft überprüfen!
Aber ich bin ja nur ein freischaffender Fotograf, der ab und an für Brownies Agentur gearbeitet hat, und Brownie ist ein mündiger Bürger. Darum stecke ich mir erst mal eine Zigarette an.
- Ihr seid pleite? Im Ernst?
- Tut mir leid, Bob. Immer noch klingt Brownie ruhig, fast sanft. Ich bin bis über beide Ohren verschuldet. Ich hab einfach alles versaut, alles falsch gemacht. Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als mich zu erschießen!
- Erschießen? Hast du denn eine Waffe?
- Mein Vater. Da liegt bei mir noch diese Pistole aus dem Zweiten Weltkrieg herum.
- Und Munition?
- Eine Patrone ist noch drin. In der Kammer. Wie heißt das?
- Keine Ahnung, wie das heißt.
- Jedenfalls, sie ist geladen.
- Na, dann passt ja alles.
- Ja.
- Ich drück dir die Daumen, dass sie noch zündet.
- Danke, Bob. Und bitte, betrachte diesen Bankrott nicht als Kritik an deiner Arbeit!
- Iwo. Nur manchmal zünden Patronen nach so vielen Jahren nicht mehr. Das wollte ich nur sagen.
- Wir werden’s sehen.
- Ich auf jeden Fall.
- Ich hab auch genug gesehen, wenn ich so drüber nachdenke, lacht Brownie. Ich hab mein Leben gelebt.
Er ist eine unglaubliche Type, und ich sage:
- Mach’s gut, mein Freund.
Und da erst fällt mir dieses Mädchen mit den unglaublichen Augen auf. Diese Augen sind groß, wie Fäuste, wie Kinderfäuste, oder wie der Boden einer 1-Liter-Flasche, und sie schimmern dunkel. Sie blicken glatt durch mich hindurch, und das macht sicher den meisten Eindruck auf mich.
Ich drehe mich um. Durch mich hindurch starrt sie auf das Plakat des Films, den wir eben gesehen haben. Sie saß ein paar Reihen vor mir. Sie war mir schon beim Reingehen aufgefallen.
- Guter Film, sage ich.
- Ja, sagt sie.
Ihre Kiefer mahlen.
- Sie wirken aber nicht unbedingt begeistert.
Sie ist hübsch, mit dunklen Locken, die leise vibrieren, und einem roten Schal und hellgrauem Mantel.
- Die Musik …, murmelt sie.
Ihre Augen schimmern noch stärker, als müsste sie sich ungeheuer beherrschen.
- Was war damit? Die war doch hervorragend? Live-Klavier. Wollte ich schon immer mal erleben!
- Das war eine Katastrophe! Dieser Typ hat ja jeden zweiten Ton daneben gesetzt!
Das ist mir zwar nicht aufgefallen, aber hätten Sie in diesem Augenblick mit Ihrer musikalischen Ignoranz geprotzt? Ich sage:
- Der Gute hatte einfach ein Bierchen zu viel intus. Der stand ja schon den ganzen Nachmittag hier am Tresen und hat mit den Leuten gequatscht.
Sie setzt sich, in einer impulsiven Wallung, auf den Stuhl neben mir. Der rote Schal weht dabei wie ein Banner. Ihre hübschen Augen lodern.
- Unglaublich. Ich könnte ihn …
- Nehmen Sie sich das nicht etwas zu sehr zu Herzen? Es war doch nur ein … na ja, ein Film! So abgedroschen das klingt. Es ist ja nicht so, dass jemand erschossen wurde. Nur ein paar Töne wurden massakriert. Vielleicht.
Sie sagt dazu nichts, und ich fasse nach:
- Studieren Sie Musik? Sind Sie selber Musikerin?
Sie steht abrupt wieder auf, als hätte sie mich gar nicht gehört. Sie schimpft leise in sich hinein. Das geht eine Weile so. Dann, endlich, dreht sie sich zu mir herum. Sie sagt:
- Übrigens dürfen Sie hier drinnen nicht rauchen!