Neue Folge

Februar 18th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Endlich war die Agentur “Macha & Schauer” eingegangen. Einer der Gründe dafür war definitiv meine Trinkerei, der andere, nicht minder wichtige Grund war, dass unsere Auftraggeber sich spätestens auf S. 150 das Leben nahmen. Mit schöner Regelmäßigkeit. Ein Asiate, ein Bayer, ein Westfale, ein Grieche. Alle tot, auf S. 150. Wie oft haben Georg und ich mit unserem Verlag telefoniert, dass sie doch bitteschön endlich mal einen anderen Schreiber ran lassen sollten! Nicht immer diesen Idioten, der ab S. 120 unseren Auftraggeber in eine psychische Krise kommen ließ. Wir führten dann immer noch dramatische Interventionsgespräche, schmetterten extra mit der S-Bahn durch die Stadt, nahmen Taxis, einmal hat Georg sogar den BMW eines Bankers geknackt, um in allerletzter Sekunde das tödliche Spinnennetz von Plot zu zerreißen — aber immer umsonst. Die S. 150 rückte unerbittlich heran, und ich konnte sicher sein, dass ich, wenn ich die Tür zum Arbeitszimmer im ersten Stock öffnete, Alexander Omegas tot auf seinen Schreibtisch gesunken finden würde, mit Blut, das ihm aus der Schläfe rann.

Vorsichtig zog ich den Scheck unter seinem toten Kopf hervor. 125.000 Euro. Doch er war nicht unterschrieben. Ich wandte mich zu Georg um, der noch schnell Geld in die Parkuhr geworfen hatte. Wenn man schon wegen Autodiebstahls belangt wurde, so unser Kalkül, war es sicherlich das Beste, sich nicht auch noch weitere Unachtsamkeiten gegenüber dem Gesetz zu Schulden kommen zu lassen. Jetzt fragte ich mich: Wenn wir nicht mehrere Seiten lang über diese beknackte Parkuhr diskutiert hätten — hätte ich es dann wohl noch geschafft, Omegas Unterschrift auf diesen Scheck zu bekommen, bevor er sich das Lebenslicht ausblies?

Der Chef unseres Verlags war natürlich nicht begeistert von dem Stand der Dinge, den wir ihm endlich mitteilen mussten.
“Wie können Sie denn pleite sein?”, grollte er. Er hatte sich extra seine Sekretärin, ein puppenartig süßes blondes Ding mit rotlackierten Fingernägeln, auf seinen Schoß gesetzt, um uns zu zeigen, wo hier der Hammer hing.
“Wir sind pleite”, sagte Georg, “weil Sie uns diesen Vollidioten von einem Autor auf den Hals gehetzt haben! Wie soll eine Detektei überleben, wenn der Geldgeber sich regelmäßig auf S. 150 eine Kugel in den Kopf schießt?”
“Ihr Jungs habt immer eine Ausrede parat”, sagte das Püppchen voll Verachtung, und unser Boss grinste.
“Ausrede? Was ist denn daran eine Ausrede, wenn”, Georg setzte sich den Zeigefinger an die Schläfe und spannte symbolisch mit dem Daumen den Hahn, “wenn es an der falschen Stelle PENG macht?”
“Ich gebe zu, dass unser Autor gewisse psychische Probleme hatte”, räumte unser Boss mit einem Achselzucken ein.
“War das eigentlich immer dieselbe Waffe?”, fragte ich.
“Das war halt deine Sauferei, Bob, deswegen haben Eure Auftraggeber sich umgebracht. Die haben einfach deine Sauferei nicht ertragen. Und der Autor auch nicht.”
Unser Boss schubste die Blondine von seinem Schoß und vertiefte sich mit gerunzelter Stirn in ein Bulletin.
“Was ist das?”, fragte Georg.
“Das ist die Stellungnahme des Autors”, brummelte der Boss. “Es ist ja nicht so”, fügte er mit einem wütenden Blick hinzu, “dass wir eure Vorwürfe hier auf die leichte Schulter nehmen! Wir nehmen die sogar sehr ernst. Letzen Endes ist mein Verlag, nicht anders als eure Detektei, ein Wirtschaftsunternehmen.”
“Du bist ein Kaufmann, Big”, sagte ich.
“Genau. Und du bist ein Säufer.”
“Eine elende Kreatur”, bestätigte Georg mit einem Nicken.
Ich sagte: “Big, kann ich in der neuen Reihe vielleicht endlich ohne diesen Miesmacher eingesetzt werden?”
“Du willst deine eigene Serie?”
“Gern.”
“Hey”, rief Georg mit schreckgeweiteten Augen, “was wird denn das?”
“Wir haben aber im Augenblick nur diese Piloten-Serie. Spielt in einem Paralleluniversum. Klingt ganz nett. Es geht um eine extrem menschenfeindliche Welt. Die Technik hat sich gegen die Menschheit erhoben. Außerdem wütet ein Killervirus, und nur die Reichsten und Mächtigsten, die wirklich bedeutenden Global Players kommen ungeschoren davon. Sie wohnen hinter hohen Mauern in abgegrenzten Arealen, mit Suchscheinwerfern, Stacheldraht und Wachtürmen, und immerzu hört man deutsche Schäferhunde bellen.”
“Cooler Plot.”
“Alle anderen Menschen, die Armen und Saftlosen, die Loser und Hartzer, Typen wie du und Georg, verwandeln sich früher oder später in Zombies, weil sie sich mit dem Virus infizieren, und dann pusten spezielle Sicherheitssoldaten euch weg. Reihenweise. Ihr lauft so herum”, der Boss stand auf und streckte seine beiden Arme nach vorn und verdrehte die Augen, “und dann kommt die Elitetruppe der Polizei, und BAMM, BAMM, BAMM. Aus.” Er nahm wieder Platz, nachdem er sich selbst erschossen hatte. “Das ist alles ziemlich splatterartig.”
Ich schüttelte den Kopf, als Antwort auf seinen fragenden Blick:
“Ich hab damit keine Probleme, Mann.”
“Du spielst den good guy, Bob, eben einen Piloten, einen Hubschrauberpiloten, einen harten Burschen, der sich ein ums andere Mal für das Gute in der Welt brutal niederknüppeln lässt. Der aber immer wieder aufsteht, mit gebrochenen Knochen. Du arbeitest mit so einer Nonne zusammen, die in ihrer Freizeit nach einem Gegenmittel gegen das Killervirus forscht.”
Der Boss warf mir ein Exposé zu, das er aus der obersten Schublade seines Schreibtisches fischte. Mindestens fünfzehn zusammengetackerte Blätter, oben mit dem Stempel unseres Verlages versehen.
“Der einzige Trost in dieser verrotteten Scheißwelt ist, dass die Tiere, ebenfalls aufgrund des besagten Killervirus, Intelligenz entwickeln. In denen erwacht sozusagen Bewusstsein. Die fangen an zu sprechen, gründen eine friedliche Gegen-Menschheit, mit den Löwen als Königen. Sie bauen Windräder auf, unter Wasser, mit Hilfe der Wale und Delphine, und nur die Schlangen sind auf unserer Seite. Die Schlangen werden nämlich auch zu Zombies, sie laufen blau an und rollen mit den Augen. Gruselig.”
“Klingt, also, echt geil”, sagte ich begeistert.
Georg protestierte: “Und was wird aus mir?”
“Du kommst in den Vertrieb. Du kannst die Heftchen mit den neuesten Abenteuern deines Ex-Partners verschicken”, sagte der Boss mit einem fiesen Grinsen. Ich lachte dazu, natürlich ebenfalls fies.

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