Auf den Schwingen des Adlers
Februar 24th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
“Dieses Buch, weißt du. Dieses Buch ist so unglaublich, so grandios. Es hat mein Leben verändert. Es bringt genau auf den Punkt, was ich immer gedacht habe. Was ich fühle. Kapierst du das?”
Ich verzog so ein bisschen Colt-Seavers-mäßig mein Gesicht, indem ich das linke Auge zusammen kniff und die dazu passende Schulter hob. Ich war skeptisch, wenn einer fast zu heulen anfing, wenn er von einem Buch sprach. Ich meine, hey! Ich bin Stuntman! Hinten auf meiner Lederjacke können Sie einen goldenen Adler sehen, der einen brennenden Lorbeerzweig im Schnabel hat. Auf den Schwingen dieses Adlers bin ich schon kilometerweit gerutscht, an einem Stahlseil hängend, das an der Hinterachse eines Trucks befestigt war.
Leider ist der Film damals nicht ins Kino gekommen, aber als DVD ist er in vielen fernöstlichen Ländern erhältlich.
“Ich weiß nicht”, sagte ich. “Nimmst du das alles nicht ein bisschen zu ernst? War doch alles nur geklaut, was die Kleine geschrieben hat, hab ich irgendwo gelesen.”
“Aber darum geht’s doch überhaupt nicht!”
Der Typ, der sich mir vorhin als Dirk vorgestellt hatte, sprang von seinem Barhocker, und ich bedauerte schon, dass ich mich von ihm zu einem Drink hatte einladen lassen. Ich hatte es eigentlich nur getan, weil ich mir die Tagebuchnotiz geil vorstellte: “Drink mit Dirk.”
Jetzt zahlte ich den Preis für meinen eigenwilligen Humor.
Dirk rief: “Aber was ist denn das für ein Scheißargument, du Arschloch?”
Sogar Frankie am anderen Ende des Tresens machte sich die Mühe, seinen fetten Kopf nach links zu drehen, um mal einen Blick auf den Pimpf zu werfen. Eigentlich hatte ich noch nie erlebt, dass Frankie irgendwas bewegte außer seinem Bierglas!
“Immer mit der Ruhe”, sagte ich also. “Was ist denn das für eine Ausdrucksweise? Ich dachte, wir trinken hier in aller Ruhe einen Drink, und …”
“Drink, ja. Saufen! Das ist alles, worum es dir geht. Schon klar!”
Er dampfte ab, in Richtung Klo. Ich fragte mich, ob er vielleicht diese ganze Show nur abzog, um nicht zugeben zu müssen, dass er eine Konfirmandenblase hatte. Als er aber ein paar Minuten später wieder aufkreuzte, hatte er verweinte Augen.
Ich wurde davon aus irgendeinem Grunde milde gestimmt.
“Na, schon gut”, murmelte ich. “Alles halb so wild, oder? Es ist nur ein Buch …”
Dirk schniefte.
Dirk nahm einen Schluck.
Dirk sagte: “Für mich ist es halt mehr als das.”
“Schon klar”, sagte ich. Ich war immer noch sehr milde gestimmt. Der Bourbon brannte in meinen Eingeweiden. Ich war am Nachmittag in letzter Sekunde von einem Motorrad gesprungen, das daraufhin in ein Getreidesilo raste und in die Luft ging. Die Bilder waren zwar verwackelt, weil der Kameramann ein erbärmlicher Hektiker war, aber der Regisseur sagte, er sei trotzdem zufrieden. Der Kameramann würde es eh nicht besser hinbekommen, das wussten wir alle. Der war eine totale Niete. Der Regisseur wollte nur nach Hause, wenn Sie mich fragen, und mir ging es ähnlich.
Ich freute mich auf daheim, daher sicher die rührselige Stimmung, in der ich mich befand.
Vielleicht lag es auch daran, dass meine Frau heute auf den Tag vier Jahre tot war.
“Heutzutage ist halt alles nur noch ein Duplikat”, sage ich. “Das hat doch auch schon Baudelaire gesagt: alles Simulation. Als Stuntman kenne ich mich damit aus! Was meinst du, was los wäre, wenn ich mal herum erzählen würde, in was für Szenen ich schon gedoublet habe? Das war beileibe nicht immer nur der Sprung aus dem brennenden Hochhaus! Ich hab auch schon bei mancher Liebesszene meinen Schwanz hingehalten, wenn du’s genau wissen willst. Auch mit ganz, ganz jungen Dingern.”
Dirk sah mich schockiert an.
“Was ist schon noch echt?”, fuhr ich fort. “Warum soll sich so eine süße kleine Lady die Mühe machen, sich diesen ganzen kaputten kranken Kram auszudenken, wenn sie’s auch einfach irgendwo hernehmen kann? Würd ich doch genau so machen! Du etwa nicht? Ich meine, hey, mit 17, da hat man wirklich noch andere Dinge im Kopf als diese ganze gesellschaftskritische Scheiße! Da will man ein bisschen Spaß haben.”
Dirk hob grimmig seinen Gin-Tonic.
“Können wir vielleicht mal über was anderes reden?”, grummelte er. “Ich HASSE dieses Theoretisieren!”