Blogozentriker Remix
Februar 25th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
- Zuerst mal ist das komisch, nicht? Man muss sich dran gewöhnen, stimmt’s?
Ich blicke aus dem Fenster. Hinter mir die leeren Büroräume. Die Laptops summen vor sich hin. Der Blogozentriker hat die Ärmel hoch gekrempelt, er sitzt allein an dem riesigen Konferenztisch und grinst. Er beobachtet mich genau. Draußen wird es langsam Frühling. Doch mich fröstelt.
- Hm, sage ich, und dann: Ja.
- Früher all die Texter. Und heute?
- Muss dir ne Menge Geld sparen.
- Ein Vermögen, Bob. Das Vermögen hab jetzt ich.
- Eine ganz simple Berechnung, hast du gesagt?
- Es war so. Irgendwann hatten wir die Speicher voll. Die schrieben und schrieben und schrieben, das konnten wir ja alles gar nicht veröffentlichen. Und dann fragte ich mich: Wie viele Sätze braucht man im Leben?
- Keine Ahnung. Ich zucke mit den Achseln. Millionen?
- Die meisten Menschen kommen mit einer Handvoll aus.
- Aber für den “Blogozentriker”?
- Was wir hatten, war genug, definitiv. Das hab ich ganz klar erkannt. Worauf es noch ankam, war das Rekombinieren. Die richtige Anordnung der Daten, also, der Sätze.
- Das kann auch ein Programm machen?
- Wenn es richtig programmiert ist. Man braucht die richtigen Algorithmen.
- Mit wem hast du zusammen gearbeitet?
- Mit der ETH in Zürich.
- Die Schweizer.
- Ein gefährliches Völkchen.
- Du hast am Telefon etwas erwähnt von einer Zeitung? Von einem Experiment?
- Das hat mich darauf gebracht, ja. Eine österreichische Zeitung. Die haben einen Monat lang Tag für Tag dieselben Nachrichten gebracht.
- Wie das?
- In neuer Anordnung. Mal kam eine Nachricht auf Seite 3, dann auf den Titel, dann wieder ganz hinten drauf. Mal groß, mal klein. Mal mit Foto, mal ohne. Das wurde bunt gemischt.
- Und keiner hat das gemerkt?
- Zumindest waren die Leser sehr zufrieden.
- Endlich kannten sie sich mal wieder in ihrer Welt aus.
- Das wird’s gewesen sein, ja.
- Das muss ein gutes Gefühl sein.
- Mhm.
- Und so kam dir die Idee: Warum den Blogozentriker nicht aus den Texten machen, die wir haben?
- Nicht aus den Texten — aus den Sätzen!
- Klingt erst mal bescheuert.
- Nicht bescheuerter als die Texter, Bob.
- Hm.
- Texter, ein schwieriges Volk.
- Wie die Schweizer?
- Verrückte. Sie sind in den allermeisten Fällen unberechenbar. Irgendwann hab ich das nicht mehr ausgehalten. Du hast einfach nie gewusst, was hinten raus kommt, wenn du vorn was ganz Klares, Einfaches rein getan hast.
- Wie einen face2buns?
- Die waren wie Black Boxes, verstehst du? Wenn ich sie mir so anguckte, von meinem Büro aus. Was geht da drin vor, damit das hinten raus kommt? Das hab ich mich gefragt. Dieses Leuchten auf deren Gesichtern. Was ließ sie von innen so leuchten? Faszinierend. Ein Geheimnis.
- Und heute hast du sie alle entlassen.
- Wozu hätte ich sie behalten sollen? Die Texte machen diese Programme. Wir schreiben zur Zeit mehr Beiträge denn je.
- Computer.
- Ich hab ihnen nie einen Vorwurf gemacht. Aber anstrengend waren sie trotzdem. Ich meine, die Texter.
- Tja.
- Die Zeiten ändern sich, Bob.
- Und das hier? Jetzt?
- Was meinst du? Dieser Text?
- Ja.
- Der wird auch montiert, klar.
- Aus den Beständen?
Der Blogozentriker zuckte bestätigend mit den Achseln. Dieses Lächeln auf seinem Gesicht. Ein Leuchten. Was sah er, da drin in sich? Ich schluckte.
- Und, fragte ich vorsichtig, was bedeutet das für mich?
- Kannst ja mal in der ETH anrufen.