When the deal goes down
Februar 25th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Ich komme nach Hause, von der Arbeit (ich renne den ganzen Tag mit einer Froschmaske aus Schaumstoff durch die Stadt, was erniedrigend, aber ganz gut bezahlt ist), und als ich in unsere schöne große helle Wohnung komme, rufe ich, die Einkaufstaschen aus Papier neben dem Telefontischchen abstellend und die Wohnungsschlüssel an den für sie vorgesehenen Haken hängend: “Imre!”
Früher war das der Moment, auf den ich mich jeden Tag am meisten gefreut habe. Das Wiedersehen mit Imre. Doch Imre ist, seit er seinen ersten Roman veröffentlicht hat, nicht mehr der Alte. Ich erkenne ihn kaum wieder, um die Wahrheit zu sagen. Es macht ihm schwer zu schaffen, dass er sich damals auf den Deal eingelassen hat. Imre selbst spricht immer vom “Pakt mit dem Teufel”, wenn er von dem Deal spricht, und neuerdings behauptet er sogar, er habe diesen Robert Mattheis, für den er dann für die stattliche Summe von 5.000 Euro den Roman “Hohlkörper” schrieb, an einem Kreuzweg getroffen. Im Wald sei das gewesen, so lautet Imres Version, in der Nähe von Erlangen, und der Vollmond habe geschienen. “Ein Wolf jaulte, rau und hoch”, sagt Imre, und Tränen stehen in seinen Augen. “Und ich verkaufte meine Seele. Für lächerliche 5.000 Euro!”
Ich rufe, weil meine erste Begrüßung ohne Echo verhallt ist, noch einmal, lauter: “Imre?” Im Wohnzimmer finde ich ihn dann, natürlich, er sitzt hier auf dem Boden, auf dem Perserteppich, den ich von Oma Krützmann geerbt habe, umgeben von seinen Büchern, wie er es liebt. Wie ein kleines Kind liebt Imre es nämlich, sein riesengroßes Bücherregal auszuräumen und die Bücher sorgfältig um sich zu verteilen. Dann blättert er in seinen Schätzen, schreibt sich hier eine Passage in sein Notizbuch ab, unterstreicht dort einen Satz, fügt da und dort mit Bleistift eine Randbemerkung hinzu.
Aber heute ist etwas anders. Imre nimmt keine Notiz von mir. Und: Er hat eine Schere in der Hand und einen knallroten Pritt-Stift neben sich liegen. Vor ihm ist ein großer Kollegblock aufgeschlagen. In diesen klebt er soeben etwas ein. Und jetzt erst begreife ich, was meine Augen zu deuten sich eine ganze Weile geweigert haben: Imre zerschneidet seine Bücher! Sein Allerheiligstes, seine Bücher! Zerschneidet er! Imre!
“Imre, Schatz”, sage ich, in die Knie gehend, “was TUST du denn da?”
“Ich schreibe ein Buch”, gibt er trotzig, trotzköpfig zurück. Er guckt biestig und beißt sich auf die Lippen, während er die Rückseite eines Fetzens Papier ungeschickt mit dem Klebestift bestreicht.
“Aber du, du hast ja”, ich hebe eines der Bücher in die Höhe, “du hast ja den MANN OHNE EIGENSCHAFTEN zerschnitten!”
“Ich brauchte einen Satz daraus”, murrt Imre.
“Und hier, UNTER DEM VULKAN! Das war doch immer eines deiner Lieblingsbücher! Was hast du denn damit nur angestellt?”
“Ich hab ein paar Sätze ausprobiert. Aber gepasst hat dann doch nur der erste. Die anderen waren alle zu lang, irgendwie.”
Er zeigt auf einen Stapel zerknüllter Streifen Papier.
Ich stehe wieder auf, weiche langsam in Richtung Tür zurück.
“Imre.”
“Ja.”
“Noch einmal. Sag’s mir. Warum TUST du das?”
“Mann.” Er pfeffert wütend den Pritt-Stift durch den Raum. “Ich habe wieder einen Deal gemacht! Darum mach ich das!”
“Einen … einen Deal? Wie damals?”
“Ja.”
“Mit einem Autor?”
“Mit einem Verlag.”
“Welchem?”
“Ullstein.”
“Und du schreibst ein Buch für die?”
“Ich schreibe ein Buch, ganz genau. Wenn man das ‘schreiben’ nennen kann!” Er schnipselt weiter, die Zungenspitze zwischen den Vorderzähnen. Dann blickt er auf. “Sag mal”, sagt er. “Hast du nicht eine CD von einer Band mit dem Namen The Archives?”
“Ja”, sage ich, “aber die Band heißt Archive. Singular.”
“Sind da zufällig die Lyrics dabei? Ich meine, so ein Booklet, wo die Texte drin stehen?”
Ich zucke die Achseln. “Kann sein, ja. Warum?”
“Ach, da würde mich so ein Brief interessieren.”
Imre grinst und schnappt einmal mit der Schere nach mir.
Um das Thema zu wechseln, frage ich: “Hast du den Axolotl schon gefüttert?”
“Nein”, sagt Imre. “Das grauenhafte Vieh!”
“Ich soll dich von Georg grüßen. Er hat mir heute ein Foto aus Australien geschickt.”
“Aha?”
“Von einem Koalabären.”
“Süß.”
“Na ja. Ging so. Den hatte ein Jeep überfahren.”
“Roadkill”, murmelte Imre. Er wiederholt es: “Roadkill.” Dann greift er zu einem Edding, schlägt den Kollegblock zu und schreibt auf die Vorderseite in Großbuchstaben: “ROADKILL.” Er blickt eine ganze Weile darauf, während ich an den Türrahmen gelehnt da stehe und ihn beobachte. Endlich schüttelt er den Kopf.
“Es ist gut”, sagt er. “Aber es reicht noch nicht.”
“Na, ich geh dann mal den Axolotl füttern, während du überlegst”, sage ich.