Ich, Rex Granit
Februar 26th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
“Ey, mir is sooo schlecht. Kotzübel, echt.”
Die Kleine sah wirklich ganz süß aus. Ihre Haare waren ein bisschen verfilzt, okay. Man hätte sie mal unter die Dusche stellen sollen. Aber ich hätte sie auf jeden Fall sofort geknallt, wenn man mich gefragt hätte.
Unter ihrer roten Winterjacke, deren Reißverschluss fast bis zum Bauchnabel aufgezogen war, trug sie nur einen blauen Bikini. Ich sage mal so. In ihrem BH hätten auch zwei Basketbälle Platz gehabt.
Okay, kleine Basketbälle. Babybasketbälle. Ich übertreibe ein bisschen, aber jedenfalls war das ein ziemlich charmanter Anblick, der mich wirklich fesselte.
Zum Glück war es warm, so dass sie sich die Offenherzigkeit leisten konnte, ohne mit einer Lungenentzündung dafür zu bezahlen, und sie hielt sich an einem Straßenschild fest. Sie hielt sich mit knapper Not auf den Beinen.
Als ich vorbeikam, sprach sie mich an.
Wo der Bahnhof sei? Sie müsse heim, nach Kevelaer.
Wenn man so will, war sie der Kehraus. Der menschliche Kehraus vom Karneval. Sie hatte es mit dem Feiern übertrieben, aber ist das nicht nur menschlich? Sogar Sokrates war für seinen Durst bekannt! Von all den Genies des letzten Jahrhunderts, wie Picasso oder Yves Klein oder James Joyce, mal ganz zu schweigen. Die hingen doch alle den Rest des Tages über den Tresen, wenn sie nicht gerade ein Meisterwerk aus sich heraus rotzten.
Ich selbst bin Schriftsteller. Ich schreibe hauptsächlich Sci-Fi-Stories, gelegentlich aber auch Mike-Hammer-artige Sachen. Pulp. Ich wollte nie etwas anderes machen. In der Schule galt ich bei meinen Klassenkameraden als Idiot, weil ich mich einfach für nichts interessierte außer für meine Schundheftchen. In Wahrheit aber war ich nicht dumm. Ich habe sogar einen ziemlich hohen IQ, wie ich bei einem Test im Internet herausgefunden habe. Es ödete mich nur diese ganze bürgerliche Kacke an, die man braucht, um sich später ein Reihenhaus zu kaufen. Damit man den Bausparvertrag kapiert. Damit man sich für den richtigen Fernseher entscheidet. Damit man nicht aus Versehen zwei Sofas kauft.
Das war nie meine Welt.
Meine Welt war von Anfang an hard-boiled, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Mein absoluter Held war Raymond Chandler. Ich war süchtig nach seiner Prosa. Im Traum nahm ich oft die Philip-Marlowe-Perspektive ein. Mein Therapeut meinte sehr viel später, ich hätte damit in meiner Phantasiewelt die Kälte meines Vaters kompensiert, da Marlowe für mich ja auch so eine Art Vaterfigur gewesen sei. Beide, Marlowe und mein Vater, rauchten viel, und sie tranken beide auch viel. Nur war mein Vater nicht hard-boiled. Mein Vater sah nur gern fern, und dabei zog er sich griechischen Wein rein. Mein Vater war ein Spießer. Philip Marlowe hingegen hatte Klasse. Er hatte eine Qualität, die sonst nur Stacheldraht hatte. Der hätte meinen Therapeuten einfach aus dem Fenster gekickt, und dann gut.
Jedenfalls hätte der frühe Marlowe das noch gemacht. Später wurde er ein bisschen larmoyant, ein bisschen zu wehmütig und weichherzig für meinen Geschmack. In PLAYBACK ist Chandler nicht mehr Chandler, sondern ein zahnloser Sommerfrischler.
Das ist meine Meinung.
Ich habe mir einen Helden ausgedacht mit dem Namen Rex Granit. Neben ihm wirkt noch der frühe Marlowe wie ein Tourist, dem die Sonne Ägyptens zu schaffen macht. Rex Granit hat immer ein Gewehr auf dem Rücken, und seine Fäuste sind wie Handgranaten. Er kämpft seinen Kampf in einem Berlin der Zukunft, in einem Parallel-Welt-Berlin, in einer verrotteten, verkommenen Welt von rosenfingrigen Drogen und schlagringharter Gewalt. Meine Güte, ja, Rex Granit! Bestimmt haben Sie auch mal eines meiner Hefte in der Hand gehalten! Oder? Geben Sie’s doch zu: Heimlich träumen auch Sie davon, in so einer Groschenromanwelt zu leben, wo alle Konflikte klärbar sind, wo man keine Therapeuten braucht, sondern einen Fick, wo man so eine verwahrloste kleine Schlampe, die am Straßenschild hängt, einfach packt, durchfickt und dann in den nächsten Zug setzt.
Ich löste endlich meinen Blick von ihren herrlichen Halbkugeln und richtete ihn in ihr Gesicht. Sie schielte ein bisschen. Der Suff. Sie hatte volle, sinnliche Lippen, mit abgebissenem Lippenstift.
“Der Bahnhof?”, wiederholte ich.
“Ja, der Bahnhof. Sprechen Sie kein Deutsch? Ich will heim.”
“Sie könnten bei mir duschen, wenn Sie, also. Wenn Sie wollen”, sagte ich.
Sie verzog angewidert ihr Gesicht.
“Wie käme ich dazu, bei einem wie Ihnen zu duschen?”
“Schon gut.”
“Ich will nach Hause. Außerdem sind Sie …”
Sie sagte etwas wie, dass ich sicherlich nicht unbedingt eine Kanone im Bett sei, bei meinem Bauch und dem ganzen Drum und Dran.
“Ja, schon gut”, herrschte ich sie an. Ich hatte ja nur freundlich sein wollen, und dann gleich solche Grobheiten! “Zum Bahnhof”, ich zeigte absichtlich in die falsche Richtung, “geht’s da entlang.”
“Danke.”
“Tschüs.”