Ich, schizoid

Februar 26th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Am liebsten wäre ich aufgesprungen und raus gerannt. Der Typ, der sich da neben mich setzen wollte, das war doch sicher ein Schwuler? Wie der sofort seine Jacke neben mich gelegt hatte, mich dabei mit seiner Jacke sogar berührend, das aber nicht weiter zur Kenntnis nehmend, vielleicht es auch wirklich nicht bemerkend — das war mir schon zu viel gewesen. Das hatte mir beinahe den Appetit verdorben. Er war dann schnurstracks nach vorn gegangen, zum Tresen, sobald er seine Jacke ja quasi auf meinem Schoß abgelegt hatte, um sein Mittagsgericht zu bestellen.

Mich würgte es wirklich etwas im Hals, als ich ihm hinterher sah. Nicht, dass ich was gegen Schwule hätte! Oder sagen wir so: Ich habe gegen Schwule nicht mehr, als ich gegen alle anderen Menschen auch habe. Generell habe ich an meine lieben Nachbarn und Mitgeborenen nur eine Erwartung: Sie sollen mir vom Leib bleiben.

Ich sah dem Typen zu, wie er sein Kotelett bestellte, und die farbige Bedienung tippte etwas in ihre Kasse und nahm mit strahlendem Lächeln seinen Fünf-Euro-Schein entgegen, und dann gab sie ihm das Wechselgeld heraus. Obwohl ich immer noch ziemlich beklommen war, sah ich dieser Szene gern zu. Die Bedienung sah nämlich wirklich nett aus. Sie hatte einen leichten amerikanischen oder jamaikanischen Akzent. Ich empfinde immer Sympathie für Menschen wie sie, für Menschen, die dunkelhäutig, aufgeweckt und lebhaft sind, einfach ein Hingucker. Ich denke dann, leicht verzweifelt, wie einfach und schön das Leben sein kann. Nur bei mir nicht. Bei mir ist es ganz anders. In dieser Hinsicht bin ich echt resigniert!

Die hübsche Bedienung ist das genaue Gegenteil von mir, ich meine, hey! Ich bin kein Idiot. Ich halte mich nicht für ein Geschenk Gottes an die Weiblichkeit. Ich habe niemandem etwas zu bieten, und in diesem Punkt gebe ich mich keinen Illusionen hin. Ich verstehe etwas von Orthographie, und ich bin sehr genau, und deswegen bin ich für den Job des Korrektors erste Wahl. Aber sonst ist mit mir nichts los. Ich sehe sehr klar.

Ich weiß zum Beispiel, dass ich von der Optik her ganz gut zu dem Pangasius-Filet passe, das ich mir bestellt habe. Man könnte auch Senfsoße über mich gießen und Bratkartoffeln neben mir ausbreiten statt der Jacken von irgendwelchen Blödmännern, und vielleicht wäre ich sogar ganz schmackhaft, wenn man das Fett von den Rippen weg geschnitten hat. Wir können es gerne mal ausprobieren, denn allzu sehr hänge ich wahrlich nicht am Leben! Sie müssten nur einen genügend großen Teller besorgen.

Ich räumte also die Jacke von dem Kerl ein bisschen zur Seite, denn die Sitzbank war ja definitiv breit genug für uns beide, und rutschte auch selbst noch ein Stück nach rechts. Und da kam auch schon mein Essen, ebenfalls von einem Farbigen serviert, der “Pangasius-Filet!” brüllte. Nach den Überlegungen, die ich gerade über meine Essbarkeit angestellt hatte, fühlte ich mich ertappt, ich fühlte mich auf dem falschen Fuß erwischt, und darum wagte ich zuerst nicht, mich zu melden, bis der Kellner ein zweites und dann ein drittes Mal brüllte: “Pangasius-Filet!”

Jetzt schauten natürlich schon alle Gäste der Kantine des Schauspielhauses zu uns herüber, also zu mir, meine ich. Klar, jeder wusste ja, dass ich vorhin bei der hübschen Dunkelhäutigen ein Pangasius-Filet bestellt hatte, und wer es nicht wusste, der konnte immerhin sehen, dass ich noch kein Gericht vor mir stehen hatte! Da brauchte man ja nur eins und eins zusammen zu zählen. Auch die dunkle Lady hinter dem Tresen warf mir irritierte Blicke zu, das konnte ich geradezu körperlich spüren. Ihr forschendes Auge ruhte auf meiner breiten, blassen Visage. Mein Gesicht brannte.

“Diese Schlampe”, dachte ich zornig, “was glotzt die mich denn jetzt an? Was soll denn das, mich hier so bloßzustellen? Hab ich der vielleicht was getan?”
Der Thymos wallte in mir auf, rot strotzender Stolz und Trotz, eigentlich eine sehr männliche Reaktion. Ich kann durchaus männlich sein, ich habe nur keine besondere Lust auf Sex. Sex gibt mir schlicht und einfach nicht viel. Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich hatte in meinem Leben mit ein paar Frauen Geschlechtsverkehr, und das war auch immer in Ordnung. Aber wenn ich Sex nur habe, damit er in Ordnung ist, dann kann ich ihn auch sein lassen. In Ordnung ist mein Leben auch so. Verstehen Sie? Das ist meine Einstellung in dieser Frage.

Ich kann einfach mit solchen Stress-Situationen in der Öffentlichkeit nur sehr schlecht umgehen. Ich mag es nicht, wenn plötzlich aller Aufmerksamkeit auf mich gerichtet ist. Ich halte mich lieber ein bisschen abseits, im Dunkeln, in der zweiten Reihe. Ich hab’s wirklich nicht nötig, dass mich immerzu alle anstarren, nur um damit mein Ego aufzupolieren! Mir ist es lieber, ich kann eine klar argumentierende E-Mail an einen Freund in der Ferne schreiben. Ich habe Freunde in Augsburg und in Kiel und in Marburg, also was wollen Sie eigentlich von mir?

Mich muss halt nicht dauernd einer ablecken!

Jetzt wollte ich aber nur möglichst rasch aus dieser etwas peinlichen Verlegenheitsnotlage hier heraus, und darum hob ich doch noch schnell den Finger, ganz schüchtern und klein, aber groß genug, dass der farbige Kellner es sehen konnte, und sofort kam er auch heran geschossen und knallte mir den Fisch hin. Er runzelte dabei wütend die Augenbrauen und rief schon: “Pasta 3? Pasta 3?”

Ich war heilfroh, dass ich nicht auch noch die Pasta 3 zu verantworten hatte.

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