Einfall
Februar 27th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Mein Traum war, auf offener Bühne erschossen zu werden. Wissen Sie, endlich hätte ich das Publikum so weit, hätte es so aufgestachelt, all diese Affen dermaßen provoziert, dass endlich einer durchdreht und mit seinem Browning auf mich anlegt. Ich träumte davon, mit dem Notfallwagen durch die Stadt transportiert zu werden in ohrenbetäubendem Geheule, aber dann bald, vielleicht noch zwischen den Krankenhaustüren, zu sterben. Eine Frau mit Mikrofon würde in die Kamera ihre professionelle Teilnahme heucheln.
In einer Bar hielte eine Hand mit Erdnüssen kurz inne, während sie die Live-Schaltung verfolgt. Dann verschwänden die Erdnüsse im Mund, die Verständlichkeit des Satzes mindernd: “Schade, der war ein Guter!”
Eine Alternative wäre, dass der Typ sich die Erdnüsse in den Mund schaufelt und dann mümmelt: “Ist nicht schade um den Drecksjuden.”
“Der war gar kein Jude”, würde ein anderer, etwas weniger aggressiver Säufer erwidern.
“Nicht? Hat sich aber so aufgeführt.”
Ich will damit sagen, dass ich nicht finde, dass unsere Gesellschaft keine Kritik vertragen kann. Sie hat allerdings inzwischen Wege gefunden, die Kritik auszumerzen, finde ich. Das wirkungsvollste Mittel sind meines Erachtens all diese grenzenlos bescheuerten Comedians. Die geben dem Volk, was es will, und wenn Politiker das tun, ist es schändlich, aber andererseits auch der Job der Politiker, wenn aber ein Comedian sich dazu herablässt, wirklich den Leuten nur noch den Arsch auszulecken, damit sie Papier sparen, dann gehört er an die Wand gestellt.
Und die Perversion unserer Gesellschaft ist aber so weit fortgeschritten, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie man Atze Schröder erschießt. Das bringt mir keinerlei Lustgewinn. Es wäre einfach zu abstrus, eine zu leere Geste, die Tat eines schieren Irren, vielleicht eines Kollegen, dem Atze immer die Pointen aus dem Safe klaut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand ein Motiv in sich finden könnte, einen Atze Schröder aus der Welt zu schaffen. Genau so gut könnte man auch einfach auf eine kahle Wand ein paar Schüsse abgeben. Das wäre genau so signifikant. Atze Schröder ist ja nur, was ohnehin in Massen auf den Straßen herumläuft. Da könnte ich auch einfach vor die Haustür gehen und den nächsten Kerl abknallen, der wie ein Vollidiot aussieht, der noch nicht kapiert hat, dass er ein Vollidiot ist.
Was ich gut fände, wäre ein Heldentod. Aber ein billiger, nutz- und sinnloser Heldentod. Einfach die Tat eines Idioten, der sich provoziert fühlt von fünf Minuten Wahrheit die Woche. Wie es ja auch Leute gibt, die bei der ARD anrufen, wenn Harald Schmidt Witze über die Trunkenheitsfahrt einer Bischöfin macht, und seinen Kopf fordern.