Cowboy
März 1st, 2010 § 2 Kommentare
Für Boris
Ich ritt so vor mich hin, unter der sengenden Sonne Nevadas, und plötzlich fiel mir auf, dass über mir erstaunlich viele Geier kreisten! Ich sagte zu mir: “Hank, jetzt pass mal auf. So übel dran bist du doch noch gar nicht, dass dieses Geieraufkommen durch deinen Gesundheitszustand zu erklären wäre! Im Gegenteil! Du bist doch eigentlich so sattelfest, wie schon lange nicht mehr? Die Wasserflasche ist prallvoll mit Rotwein gefüllt, hinzu kommen die zwei Fässer, die du hinten auf Jolly Jumper geschnallt hast. Lucky Luke wiederum liegt viel weiter südlich, wo du ihn vom Pferd geschossen hast. Dessen Verwesungsgeruch ist hier nicht mehr zu wittern. Also, zum Henker, Hank — warum diese Geier?”
Ich bin ein ziemlich nachdenklicher, vergrübelter Typ, was sicher auch mit meiner Spinoza-Lektüre zu Jugendzeiten zu tun hat. Ich hielt darum an, hielt mein Pferd an, und stieg ab. Ich schiffte erst mal, ganz offen gesagt. Ich hatte einen Mordsharndrang, was auch mit den zwei Fässern hinter mir zu tun hatte. Jolly Jumper knabberte unterdessen ein bisschen an einem Kaktus herum. Er schien ganz wild zu sein auf die zarten Dornen. Aus einer Laune heraus drehte ich mich so, dass mein Pissestrahl den Kaktusstamm traf, und das fand Jolly Jumper nicht sehr lustig. Wiehernd wich er den Spritzern aus. Kann natürlich auch sein, dass er mir insgeheim verübelte, dass ich den Cowboy, der einst schneller war als sein Schatten und jetzt nur noch ein Schatten, in ein Produkt der Mythen-Industrie verwandelt hatte. Nun ja. Jetzt konnte Lucky Luke mit Johnny Cash noch ein paar letzte Alben einspielen. Wenn sie es schafften, irgendwie an Rick Rubin ranzukommen, natürlich nur.
Ich wollte gerade wieder auf mein Pferd steigen, als mir auffiel, dass mein Schwanz noch aus der Hose hing … nein, sorry, ein etwas derber Spaß! In Wahrheit hörte ich einen Laut. Ich hielt also inne, das eine Bein im rechten Winkel ausgestreckt, am Sattel hängend. Es handelte sich bei dem Laut um ein Pfeifen, um ein Zischen; ein Geräusch, wie wenn Luft entweicht. Hinter einem gewaltigen Felsblock, nicht weit von dort, wo ich zum Pinkeln hingegangen war, hatte der Laut offenbar seinen Ursprung.
Hinter dem Felsblock fand ich einen Mann, der da lag, in ziemlich üblem Zustand. Ein rotbrauner Stein diente ihm als Kopfkissen — das sagt vielleicht alles.
Ich sagte:
- Hey, Mann. Alles klar?
- Na, geht so, stöhnte der Mann.
- Was ist denn los?
- Siehst du die Geier da oben?
- Oh ja, allerdings.
- Die sind meinetwegen da.
- Warum das denn? Ist das deine Familie?
- Noch nicht. Der Mann lächelte schwach. Aber bald.
- Wer hat dich so übel zugerichtet, mein Freund?
- Zeit und Zufall.
- Und der Sheriff?
- Nein. Der Sheriff liegt da drüben.
Dort, wo er hin zeigte, sah ich nur einen blutigen Brei. Das musste der von Gene Hackman gespielte psychopathische Sado-Sheriff sein.
- Du warst also diesmal schneller am Drücker?
- Ich hab ihn in Scheiße verwandelt.
Der Mann grinste stolz.
- Gratuliere. Du, sagte ich, ich muss mal langsam weiter. Kann ich noch irgendwas für dich tun?
- Nicht, dass ich wüsste.
- Vielleicht den Gnadenschuss?
- Nein, vielen Dank. Aber doch. Warte. Eines könntest du tatsächlich für mich tun.
- Okay. Was?
- Hier, nimm diesen USB-Stick.
- Ja?
- Darauf findest du eine Datei mit dem Titel COWBOY.
- Ja?
- Im nächsten Internet-Café, würdest du sie bitte hochladen?
- Klar. Auf welche Seite?
- Auf den “Blogozentriker”.
- Mach ich.
- Dank dir.
- Nicht dafür.
Sehr schön! Jetzt schon ein Klassiker.
“Ich hielt also inne, das eine Bein im rechten Winkel ausgestreckt, am Sattel hängend” – exzellent!