Showtime im “Nordkap”
März 1st, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
- Was? Bitte? Zehn Zuhörer? ZEHN?
- Nein, sagt der Betreiber vom “Nordkap”, zehn Ohren.
- Wie, zehn Ohren, sag ich.
- Ja, zehn Ohren halt, sagt der Betreiber vom “Nordkap”.
- Ja, das sind dann ja nur fünf Zuhörer, oder wie? Oder sind ein paar Einohrige dabei?
Ich nehme einen Schluck aus der Mineralwasserflasche.
- Im Augenblick sind fünf da, sagt der Betreiber vom “Nordkap”.
- Aber das ist doch unzumutbar! FÜNF Zuhörer? Soll das ein Witz sein? Da geh ich doch jetzt nicht raus und …
- Klar gehst du raus, sagt meine Agentin, eine kleine Frau mit großen Augen und hohen, spitzen Stiefeln. Sie guckt humorlos dazu.
- Ich soll da für fünf Zuhörer raus gehen? Das ist doch, ist das nicht gegen die Menschenwürde? Wo bleibt denn da meine Menschenwürde als Autor?
- Fünf zahlende Zuhörer, sagt meine Agentin und lässt den Satz mit bedeutungsvollem Blick unvollendet.
Sie meint: “Wir können wirklich jeden Cent gebrauchen, Bob!”
- Na, zahlende Zuhörer sind’s nicht, sagt allerdings der Betreiber vom “Nordkap”.
Da guckt auch meine Agentin.
- Wie, das sind keine zahlenden Zuhörer?
- Na, die zahlen halt nichts. Bei uns gibt’s keinen Eintritt. Das ist bei uns Prinzip.
- Darf ich mal fragen, sage ich zu meiner Agentin.
- Nein, schneidet sie mir mit scharfem Zungenschlag das Wort ab und wendet sich wieder dem Betreiber vom “Nordkap” zu. Was heißt: “Bei uns gibt’s keinen Eintritt”?
- Ihr könnt gerne hinterher den Hut rumgehen lassen, aber wir nehmen keinen Eintritt.
Der Betreiber vom “Nordkap” zuckt mit den Achseln.
- Ja, und wir? Allein die Anfahrt hat uns doch ein halbes Vermögen gekostet, sagt meine Agentin.
- Das Mineralwasser nicht zu vergessen, sage ich.
Meine Agentin ist verzweifelt. Sie hat noch nicht so viele Erfahrungen mit den subkulturellen Zentren Hamburgs gemacht.
Ich schon.
Ich grinse. Ich bin froh, dass ich nicht ganz allein hier bin mit meiner Agentin und dem Betreiber vom “Nordkap”. Und meinem Buch, natürlich.
Apropos, das Buch. Guter Hinweis. Ich stecke es schnell in die Tasche meines Jacketts.
- Na gut, sage ich. Dann les ich jetzt, und hinterher lass ich den Hut rumgehen.
- Das Wasser geht natürlich aufs Haus, sagt der Betreiber vom “Nordkap”.
- Hey, danke, sage ich.
Meine Agentin setzt sich auf einen Stuhl. Sie streckt ihre Beine von sich und starrt auf die Stiefelspitzen.
Als wir aus dem Raum gehen, sagt der Betreiber vom “Nordkap” zu mir:
- Wie heißt du noch mal? Damit ich dich ankündigen kann?
- Bob.
- Bob, und weiter?
- Bob reicht.
- Und das Buch?
- Buch.
- Das ist der Titel?
- Buch reicht.