Ich, Schizoanalyse

März 2nd, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

- Aber D., sage ich, D. muss doch für irgendwas stehen? Das ist doch kein Name, D., sage ich. Wofür steht D.?
D. Lös wendet sich ab. Er sagt:
- JETZT LASS MICH DOCH ENDLICH IN RUHE, DU AFFENARSCH!
Genau so sagt er das, in Versalien. Zittrige, irgendwie beunruhigende Versalien.
Ich geh lieber ein paar Meter beiseite.
D. ist ungefähr so alt wie ich, wie wir alle, aber nur halb so schwer. Er hat lange Haare, und er weint oft. Er weint eigentlich permanent. Immer fließt eine Flüssigkeit aus seinen Augen. Vielleicht hilft er ja auch nach, wie ein Schauspieler, mit einem Tränenmittel.
Er ist gefangen in diesem Niemandsland, an dessen Eingang die 30 und an dessen Ausgang eine 4 und dann noch eine Ziffer steht.

D. hat ganz abgeknabberte Fingernagelbetten, das unterscheidet ihn von uns Übrigen. Er ist gewalttätig, aber er bekommt Thorazin. Das stellt ihn ruhig. Er frisst sich selber stückchenweise auf, aber diese Art von Gewalt kommt gesellschaftlich nicht vor. Spielt keine Rolle. Wir hatten mal einen, der hat eines Morgens nur noch das halbe Gesicht gehabt. Mit diesem halben Gesicht aber hat er gelächelt, wie andere es mit vier ganzen Gesichtern nicht zustande brächten! Er hatte sich das Fleisch mit der Scherbe eines Tellers herausgeschabt. Inspiriert hatte ihn ein Film mit Hannibal Lecter. Hannibal Lecter, das war immer schon meine Meinung, ist ein nicht ganz unproblematisches Vorbild!

Wie auch immer. Verrückte, die sich selbst auffressen — das ist kein Thema, das eine Tageszeitung interessiert. Zu unappetitlich.

- Sie sind nicht verrückt, Bob, sagt Dr. Theobaldy.
Mein Therapeut ist ein phantastischer Kerl. Er hat diese Selbsthilfegruppe T-REX ins Leben gerufen, um uns vor einem Leben hinter Gitterstäben zu bewahren.
Zu mir sagt er immer:
- Auch wenn Sie glauben, Bob, dass Sie verrückt seien. Schizoid zu sein, ist eine ganz normale Existenzform. Im Kapitalismus ist das geradezu normal!
- Aber ich kann lächeln, sage ich darauf immer, während ich mir lebhaft ausmale, wie ich eine Ratte in Ihren Anus stopfe, damit sie sich bis zu Ihrer Kehle durchfrisst!
Dr. Theobaldy lächelt gönnerhaft. Er winkt ab. Auch das sei ganz normal, meint er.
- Jeder von uns reagiert sich von Zeit zu Zeit ab.
Klar, denke ich. Aber nicht jeder von uns zuckt zusammen, wenn er irgendwo ein Foto von sich sieht! Das, denke ich, wenn ich mich irgendwo abgelichtet sehe, bin nicht ich! Wer auch immer dieser fröhliche, sympathische Typ sein mag — ich bin es jedenfalls nicht.
Ich bin ein Monster. Ein Killer.

- D. Lös, sage ich jetzt wieder, wofür steht das D.?
- Dietrich, sagt Felix. Felix verzieht nie eine Miene. Er lacht nicht, er weint nicht. Er ist wie ich. Nur, dass er sich nicht mal ein Lächeln abringt. Er starrt immerzu nur in die Welt hinaus, die ihm offensichtlich nichts als Hass und Abscheu einflößt.
Er muss vollkommen verrückt sein.
- Felix, sage ich, weißt du eigentlich, was dein Name bedeutet?
- Ich weiß es, sagt er, und wir haben auch gestern schon darüber gesprochen.
- Ich weiß schon, sage ich. Aber mich haut das halt jedes Mal aufs Neue um. Dass einer, dessen Name “glücklich” bedeutet, so eine Fresse zieht! Das ist doch eine Verhöhnung der Natur, Mann!
- Und du? Weißt du denn, was dein Name bedeutet?
Es ist Eric, der sich einmischt. Eric ist Australier. Er hat einen heavy Akzent.
- Nee, sage ich. Bob. Was heißt Bob?
- “Boring Old Bastard”, sagt Eric. Und dann reißt er sein Maul auf, ein Maul, das einem Krokodil Ehre machen würde, und lacht.
Auch sein Lachen würde einem Krokodil alle Ehre machen.
D. weint.
Ich sage:
- Dr. Theobaldy, mag ja sein, dass ich NICHT irre bin. Aber irgendwer ist hier irre, oder?
- Ich bin mir nicht sicher, Bob, sagt Dr. Theobaldy sanft.

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